Mittelstandsanleihen: KMU-Anleihen als Finanzierungsalterantive

Stabil, schlau, traditionsbewusst.

Mittelstandsanleihen

Vor allem in Zeiten niedriger Leitzinsen zählen Mittelstandsanleihen zu den stärker nachgefragten Finanzmarktprodukten. Diese im Englischen als Bond bezeichneten Wertpapiere kombinieren ein überschaubares Risiko mit einer soliden Rendite. Nicht umsonst nutzen auch die Regierungen zahlreicher Länder der Welt Anleihen als Form der Kapitalbeschaffung. Die Geschichte der Anleihen reicht bis ins 12. Jahrhundert zurück. Sie zählen sich zur Gattung der festverzinslichen Wertpapiere, die den Vorteil einer langfristig planbaren Rendite haben.

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Zusätzliche Information

Welche Besonderheiten haben Mittelstandsanleihen?

Die KMU-Anleihen sind stets unmittelbar an ein konkretes Unternehmen gekoppelt, das sich zum Mittelstand zählt. Nach der KfW-Definition fallen darunter Firmen, deren Jahresumsatz 50 Millionen Euro nicht übersteigt. In allgemeinen Sprachgebrauch dient die Bezeichnung KMU für Firmen, die nicht mehr als 100 und maximal 500 Mitarbeiter haben. Parallel handelt es sich um Firmen, bei denen 50 % der Anteile im Besitz von zwei natürlichen Personen sind, die als aktive Geschäftsführer tätig sind. Das heißt, die meisten deutschen Familienunternehmen gehören nach diesen Definitionen zum Mittelstand. In Deutschland stellen die KMU mehr als 99 % aller umsatzsteuerpflichtigen Unternehmen. Der Umfang der Kapitalbeschaffung über Anleihen liegt bei den mittelständischen Firmen zwischen 15 und 150 Millionen Euro.

Stark konjunkturabhängig

Eine Folge der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise ab dem Jahr 2007 war ein rapides Absinken der Anzahl der emittierten KMU-Anleihen. Im Jahr 2010 gaben nach den Zahlen des Portals Statista gerade einmal noch zehn Mittelstandsunternehmen Anleihen heraus. Bis zum Jahr 2013 stieg ihre Anzahl auf 46. Danach war ein rapider Einbruch bei den KMU-Anleihen zu verzeichnen, dessen Tiefpunkt mit 16 emittierten Anleihen im Jahr 2016 erreicht wurde. Seither steigt die Anzahl der herausgegebenen Mittelstandsanleihen erneut an. Im Jahr 2018 waren es bereits wieder 30 emittierte KMU-Anleihen.

Mittelstandsanleihen sind konjunkturabhängig

Welche Gründe gibt es für den Anstieg der KMU-Anleihen?

In den Jahren nach der Finanzkrise waren es vor allem die Ansprüche der Banken an die zu bietenden Sicherheiten, die das Ansteigen der Zahl der KMU-Anleihen bewirkten. Danach sorgte die lockere Zinspolitik der Europäischen Zentralbank für einen drastischen Einbruch. Die niedrigen Leitzinsen verbilligten die klassischen Gewerbekredite bei den Banken. Im Jahr 2017 wurden erste Forderungen nach einer Erhöhung der Leitzinsen sowohl bei der amerikanischen Fed als auch der Europäischen Zentralbank laut. Damit stieg auch das Zinsrisiko für die Gewerbekredite. Zudem sorgte die gute Entwicklung der Konjunktur dafür, dass sich 2017 und 2018 besonders viele Mittelständler zu Expansionen entschlossen.

Brexit spielte eine wichtige Rolle bei der Statistik der KMU-Darlehen

Hinzu kam die Volksbefragung in Großbritannien, bei der sich knapp 52 % der Wahlberechtigten für einen Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union aussprachen. Zahlreiche Mittelstandsfirmen entschlossen sich deshalb zu einem Rückzug aus Großbritannien. In vielen Fällen mussten dafür neue Werke in Deutschland gebaut werden. Das führte zu temporären Gewinneinbrüchen, die erhebliche Auswirkungen auf die Kreditwürdigkeit der betroffenen Unternehmen hatten. Dadurch blieb einigen Unternehmen kein anderer Weg, als den Finanzbedarf über die Ausgabe von Mittelstandsanleihen zu decken.

Anlegerinteressen haben bei Mittelstandsanleihen ein Wörtchen mitzureden

Die Ausgabe vom KMU-Anleihen macht nur dann Sinn, wenn es genügend interessierte Geldanleger gibt. Genau das während der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise nicht der Fall. Die potentiellen Anleger flüchteten in sichere Anlageformen. In der Folge schossen die Preise für Gold, Diamanten und Immobilien in die Höhe. Die Banken hatten es schwer, den Finanzbedarf der Bevölkerung und der Wirtschaft zu decken. Die Konsequenz waren überdurchschnittlich hohe Zinsen auf die Guthaben auf Tagesgeld- und Festgeldkonten. Diese „einfachen“ Anlageformen sind vor allem bei den Kleinsparern sehr beliebt. Sie verließen sich lieber auf die dafür gewährten hohen Zinsen, anstatt ihr Geld in risikobehaftete Investitionen in die Wirtschaft zu stecken. Auch die nach der Finanzkrise noch lange schwächelnde Konjunktur leistete dazu einen erheblichen Beitrag. Die Entwicklung in den Jahren 2017 und 2018 zeigte, dass die Sparer in Zeiten einer guten Konjunktur eher bereit sind, ihr Geld direkt in einzelne Unternehmen zu investieren.

Beim ifo-Geschäftsklimaindex deuten sich Änderungen an

Nach einem guten Start zeigten sich ab dem Frühjahr 2019 Einbrüche bei der Einschätzung der aktuellen und künftigen Konjunkturentwicklung. Im Juli 2019 fiel der ifo-Geschäftsklimaindex von 97,5 Punkten im Vormonat auf 95,7 Zähler. Probleme zeichnen sich vor allem im verarbeitenden Gewerbe ab. Aber auch der Handel und der Dienstleistungsbereich weisen Einbrüche bei der Beurteilung des Geschäftsklimas aus. Die Gesamteinschätzung profitiert aktuell von positiven Zahlen aus dem Bauhauptgewerbe. Noch haben diese Zahlen keine Auswirkungen auf die Anlegerinteressen, doch das dürfte sich schon bald ändern. Dennoch ist absehbar, dass die Zahl der ausgereichten Mittelstandsanleihen konstant bleibt oder sogar steigt.

Was feuert die Nachfrage nach KMU-Anleihen bei den Sparern an?

Noch ist es die Meinung der Europäischen Zentralbank mit Blick auf die Leitzinsen, die viele Sparer nach lukrativen Anlageformen in der Wirtschaft Ausschau halten lässt. Von Erhöhungen der Leitzinsen war schon mehrfach die Rede, aber sie werden immer unwahrscheinlicher, je mehr sich die konjunkturelle Entwicklung abschwächt.

Das Gegenteil zeichnet sich bereits ab. Der Noch-Chef Mario Draghi kündigte im Juli 2019 eine weitere Lockerung der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank zur Ankurbelung der Konjunktur an. Das bedeutet für die Sparer weiterhin niedrige oder sogar sinkende Verzinsungen für klassische Geldanlagen bei den Banken. Wenn die EZB den sogenannten Strafzins weiter verschärft, dürfte eine der logischen Konsequenzen die Einführung eines Strafzinses für umfangreiche Guthaben auf klassischen Girokonten sein. Erste Banken praktizieren das bereits. Andere Banken gewähren kostenlose Dispokredite, um möglichst wenig Geld bei der EZB parken zu müssen. Diese Entwicklung dürfte das Interesse an Mittelstandsanleihen kräftig anheizen.

Welche Rolle spielen Basel II und Basel III bei den KMU-Anleihen?

In beiden Fällen handelt es sich um Reformen der Vorschriften zur Regulierung der Banken. Sie wurden nach den gravierenden Folgen des Zusammenbruchs der Lehman Brothers Bank für notwendig erachtet. Basel II und Basel III haben die Anforderungen an die Liquidität der Banken verschärft. Aber auch die Anforderungen an Unternehmen, die einen Gewerbekredit haben wollen, sind kräftig gestiegen. Die gestiegenen Ansprüche betreffen sowohl die Banken selbst als auch die Unternehmen, die einen Gewerbekredit brauchen. Zahlreiche Ökonomen sind der Meinung, dass davon vor allem mittelständische Unternehmen bei der Kreditvergabe benachteiligt werden. Das zeichnet sich in der Praxis auch so ab. Die Konsequenz ist, dass vielen Mittelstandsfirmen die Beschaffung von Kapital für Investitionen nur noch über die Abgabe von Unternehmensanteilen oder die Ausgabe von Mittelstandsanleihen gelingen wird.

Vor- und Nachteile von Mittelstandsanleihen

Welche Vorteile haben Mittelstandsfirmen bei den KMU-Anleihen?

Im Gegensatz zum Verkauf von Geschäftsanteilen ziehen Mittelstandsanleihen keine Gewährung von Mitspracherechten nach sich. Das heißt, die Firmenchefs können weiterhin allein über ihre operative und strategische Geschäftspolitik entscheiden. Die Kosten der KMU-Anleihen sind auf der Seite der Ausgeber langfristig planbar. Das resultiert aus der Tatsache, dass die Zinsen für die gesamte Laufzeit fest vereinbart und in der Anleiheurkunde verbrieft werden. Der Vorteil im Vergleich zum Gewerbekredit besteht bei den Mittelstandsanleihen in der Endfälligkeit. Bei Bankkrediten müssen die Unternehmen über die gesamte Laufzeit hinweg die Last aus Zins und Tilgung tragen. Bei KMU-Anleihen sind während der vereinbarten Laufzeit nur die Zinsen fällig. Das verschafft den Mittelständlern die Chance, vor der Fälligkeit des Darlehensbetrags die Früchte der damit finanzierten Erweiterungen oder Erneuerungen allein einzufahren. Damit wird eine Refinanzierung der über KMU-Anleihen erhaltenen Beträge über sichere und verzinste Anlagen der mit den Investitionen erzielten Gewinne möglich.

Haben die Mittelstandsanleihen Nachteile für die ausgebenden Firmen?

Schon die genannten Vorteile zeigen, dass es bei KMU-Darlehen nur wenige Nachteile gibt. Den Firmen kann es letztlich egal sein, dass die Anleiheurkunden auf dem Rentenmarkt gehandelt werden können. Schließlich leitet sich aus der Inhaberschaft lediglich das Recht auf die Beanspruchung der verbrieften Verzinsung und die Rückzahlung des Nennwerts am Ende der Laufzeit ab. Die Handelbarkeit der KMU-Anleihen resultiert aus der Beurkundung in Form einer Inhaberschuldverschreibung nach den §§ 793 ff. des Bürgerlichen Gesetzbuchs. An einer Stelle bringen Mittelstandsanleihen jedoch einen Nachteil im Vergleich mit dem Verkauf von Geschäftsanteilen mit. Anteilseigner werden abhängig vom Gewinn ausgezahlt. Die verbriefte Verzinsung muss bei KMU-Anleihen auch dann gezahlt werden, wenn das ausgebende Unternehmen Verluste einfährt. Dazu kommen die Kosten für die Ausgabe der Mittelstandsanleihen. Sie liegen oftmals bei einem Vielfachen der Nebenkosten eines Gewerbekredits. Viele Mittelstandsfirmen schrecken auch wegen der Transparenzpflicht vor der Ausgabe von Anleihen zurück.

Welche Vor- und Nachteile schlagen bei den Käufern der KMU-Anleihen zu Buche?

Die Käufer der Mittelstandsanleihen profitieren davon, dass sie die KMU-Anleihen nicht zur aktiven Mitwirkung an der Geschäftsführung verpflichten. Sie können ihre Rendite unabhängig von den Schwankungen auf dem allgemeinen Zinsmarkt planen. Auch die Handelbarkeit ist ein Vorteil, da die Anleiheurkunden durch einen Verkauf jederzeit in bares Geld umgewandelt werden können. An dieser Stelle droht allerdings ein hohes spekulatives Risiko, weil sie die Handelswerte von der jeweiligen wirtschaftlichen Lage des ausgebenden Unternehmens ableiten. Durch die Tatsache, dass die Inhaber der Anleihen keine Rechte am Eigenkapital der Mittelstandsfirmen erwerben, droht im Falle einer Insolvenz ohne verwertbares Vermögen ein Totalverlust der Geldanlage.

Welche Mittelstandsanleihen sind aktuell besonders beliebt?

In Deutschland sind vor allem Anleihen vom Immobilienfirmen begehrt. Dafür sorgen konstant hohe Mieten und Verkaufspreise. Außerdem entsteht ein materieller Gegenwert aus den getätigten Investitionen. Das macht einen Totalverlust der Geldanlage in KMU-Anleihen sehr unwahrscheinlich. Pluspunkte sammeln auch Unternehmen, die sich mit der Nutzung erneuerbarer Energien oder der Entwicklung und Produktion umwelt- und klimaschonender Technologien beschäftigen. Dort garantiert allein die Entwicklung der Umweltschutz- und Klimaschutzbestimmungen eine gewisse Unabhängigkeit vor den allgemeinen konjunkturellen Trends. Ebenfalls beliebt sind die KMU-Anleihen von Firmen aus der Medienbranche. Das hat erst unlängst die Emission von Anleihen des Konzertveranstalters Deutsche Entertainment gezeigt.

KMU-Anleihen und andere Geldanlagen im Vergleich

Banksparpläne, kapitalbildende Versicherungen, Fonds, Tagesgeldkonten und Festgeldkonten bieten die Möglichkeit, auch mit keinen Sparsummen einzusteigen. Das gilt genauso für den Aktienmarkt. Selbst die Aktien von DAX-Unternehmen sind mit zweistelligen oder kleinen dreistelligen Investitionen zu haben. Die sogenannten Penny-Stocks sind ein Spielfeld für Neulinge, die nicht mit großen Summen spekulieren möchten. Dabei handelt es sich um Aktien mit einem Handelswert von weniger als 10 Euro. Bei den Mittelstandsanleihen sieht die aktuelle Lage etwas anders aus. Bei der Mehrzahl der Emittenten müssen die Investoren mit einem minimalen Ausgabewert von 1.000 Euro rechnen. Das schließt die meisten Kleinsparer aus dieser Form der direkten Geldanlage in einzelnen Unternehmen der Wirtschaft aus. Ob das die Unternehmen vor allem mit Blick auf Basel III zu einem Umdenken bewegt, ist derzeit noch nicht absehbar. Die Wahrscheinlichkeit ist durch die Kosten der Ausgabe von KMU-Anleihen jedoch nicht sehr hoch.

Fazit: Wie sieht die Zukunft aus?

Falls die EZB tatsächlich die Nullzinspolitik weiter durchzieht, bleiben die KMU-Anleihen auf Anlegerseite trotz der damit verbundenen Risiken interessant. Anderseits wirkt eine solche Zinspolitik den Folgen von Basel III entgegen. Banken werden versuchen, Strafzinsen durch die verstärkte Ausreichung von gewerblichen und privaten Krediten zu vermeiden. Anderseits drohen den Inhabern von Girokonten bei hohen Guthaben ebenfalls Strafzinsen. Das könnte das Interesse an Mittelstandsanleihen mit der Motivation forcieren, derartige Verluste zu vermeiden. Dort zeigt sich jedoch aktuell ein Hemmnis. Es mehren sich die Anzeichen für ein Ende der guten konjunkturellen Entwicklung. Bei einer Rezession steigen die Risiken, die mit direkten Investitionen in die Wirtschaft verbunden sind. Mit Mittelstandsanleihen können die Unternehmen in Zukunft risikofreudige Anleger noch besser ansprechen. Gleichzeitig sinkt das Interesse der Anleger, die großen Wert auf die Sicherheit ihrer Geldanlagen legen.