Neue EU-Bankenregulierung erschwert Mittelständlern Kreditzusage

Neue EU-Bankenregulierung

Derzeit sind bei Unternehmen mit Kreditbedarf die Stichworte Basel III und Basel IV wichtige Themen. Der Bundesverband deutscher Banken hatte schon frühzeitig davor gewarnt, dass sich durch die neuen Regelungen die Kredite sowohl für Geschäftskunden als auch Privatkunden verteuern. Doch nicht nur erhebliche Zusatzkosten sind zu befürchten. Die neue EU-Bankenregulierung 2019 sorgt parallel dafür, dass deutlich weniger Unternehmen als bisher überhaupt eine Finanzierung von einer Bank erhalten können.

Bankenregulierung bewirkt große Verunsicherung

Noch blickt niemand so genau durch, welche Auswirkungen die EU-Bankenregulierung auf den Kreditmarkt haben könnte. Die aus der Überarbeitung von Basel III und den bevorstehenden Regeln aus Basel IV resultierende Verunsicherung gehört mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu den Faktoren, die derzeit auch den ifo-Geschäftsklimaindex belasten. Er sank von 97,7 Punkten im Mai 2019 auf 97,4 Punkte im Juni 2019. Dass er überhaupt noch so hoch ausfällt, ist der Stabilität im Bereich Handel und der seit Jahresbeginn anhaltenden Steigerung im Bauhauptgewerbe zu verdanken.Vor allem das verarbeitende Gewerbe weist einen deutlichen Absturz aus. Bei den Erwartungen für die nächsten sechs Monate gab es lediglich im Handel einen positiven Trend. Die Erwartungen fielen trotz des Baubooms und der Förderung des sozialen Wohnungsbaus sogar im Bauhauptgewerbe im Juni 2019 schlechter aus als im Vormonat.

Wundern muss das nicht, denn die Auftraggeber dieser Branche sind am häufigsten auf Bankfinanzierungen angewiesen. Unter der neuen EU-Bankenregulierung könnte den Analysten zufolge die Auftragslage im Bauhauptgewerbe erheblich leiden.

Konjunkturentwicklung könnte durch die EU-Bankenregulierung kippen

Die aktuellen Daten des ifo Instituts zeigen noch eine andere Gefahr. Schon seit den letzten Monaten des Jahres 2018 bewegt sich die Konjunkturuhr an der Grenze zwischen dem Boom und dem Abschwung. Mehrere Werte aus dem Jahr 2019 weisen eindeutig auf ein Ende der langjährigen Boomphase hin, auch wenn eine komplette Rezession derzeit (noch) nicht droht. Die neue und deutlich strengere Bankenregulierung in der Europäischen Union könnte zum „Zünglein an der Waage“ werden, indem sie vor allem kleinen und mittelständischen Unternehmen die Investition in die Schaffung neuer Arbeitsplätze erschwert.

Die Änderungen der Kreditvergabe-Regeln kommen zu einem äußerst ungünstigen Zeitpunkt, denn viele Unternehmen sind von den Auswirkungen der Unsicherheiten zur Art des Ausstiegs von Großbritannien aus der Europäischen Union betroffen. Zahlreiche Unternehmen brauchen gerade jetzt Kredite, um ihre Produktionsstätten in Großbritannien zurück nach Deutschland zu verlagern. Hinzu kommt, dass eine erhebliche Verunsicherung durch den vom Donald Trump gestarteten Zollkrieg zwischen den USA und der EU besteht.

Welche Kritik übt der Bundesverband deutscher Banken an der Bankenregulierung?

Christian Ossig, der Chef des Bundesverbands deutscher Banken, fand bereits im April 2019 klare Worte zur neuen EU-Bankenregulierung. Er sieht in den neuen Bestimmungen zu Basel III und Basel IV eine Benachteiligung deutscher Banken, die ohnehin bei der Kreditvergabe auf die bestmögliche Besicherung achten. Im gleichen Statement gab Christian Ossig an, dass die neue Stufe der EU-Bankenregulierung vor allem die deutsche Immobilienwirtschaft hart treffen wird. Dort verdoppelt sich die Risikogewichtung gegenüber der vorherigen Praxis bei der Kreditvergabe. Und versperrt vor allem Privatkunden sowie Kleinunternehmern und Mittelständlern den Weg zu Immobilienfinanzierungen.

EU-Bankenregulierung zieht negative Auswirkungen auf den Klimaschutz nach sich

Außerdem haben die Unternehmen künftig Probleme, die bei der Finanzierung von Solaranlagen, Wärmepumpen und Biomassekraftwerken keine Chance haben, die Förderkredite der Kreditanstalt für Wiederaufbau zu nutzen. Das heißt, das Wachstum der Nutzung erneuerbarer Energien könnte durch die neue EU-Bankenregulierung durchaus ins Stocken kommen. Fatal wäre das nicht nur für die Unternehmen, sondern auch für die Klimapolitik. Sie kommt bei der Umsetzung der dringend notwendigen Maßnahmen nicht ohne die Unterstützung der klimaschutzwilligen Unternehmen in Form von Bankfinanzierungen aus.

Schweizerische Bankiervereinigung benannte bereits 2017 erhebliche Probleme

Schon im März 2017 veröffentlichte die Schweizerische Bankiervereinigung ein Statement, in dem es um die Pläne der Bankenregulierung mit Basel IV ging. Zwar gehört die Schweiz selbst nicht der Europäischen Union an, ist aber durch bilaterale Verträge an die Einhaltung zahlreicher EU-Richtlinien gebunden. Die Bankenchefs in der Schweiz gaben damals schon den Hinweis, dass eine strenge Bankenregulierung lediglich im globalen Maßstab Sinn macht. Andernfalls drohen den Banken in den Ländern Wettbewerbsnachteile, die sich an Basel III und Basel IV halten müssen. Das heißt, die schweizerischen Bankiers fürchteten eine massenhafte Abwanderung potenzieller Kreditkunden in Länder, die nicht unter den Geltungsbereich der EU-Bankenregulierung fallen. Dieses Risiko dürfte durch Basel IV noch einmal erheblich wachsen. Dies wäre mit erheblichen Gewinneinbußen bei den Banken in EU-Ländern verbunden.

Bankenregulierung der EU reduziert die Innovationsfähigkeit

Für eine gute Wettbewerbsfähigkeit und wirtschaftliche Stabilität benötigen Unternehmen mehrere Elemente. Dazu gehören ein ständig moderner Maschinenpark sowie neue und innovative Produkte. Beides kostet viel Geld, was kleinere und mittelständische Unternehmen oft nicht aus den eigenen Reserven aufbringen können. Sie sind auf Fremdfinanzierungen angewiesen. In einer Gemeinschaftsstudie haben Moody’s, Trib Rating und Euler Hermes herausgefunden, dass allein dafür bei den in Europa ansässigen Unternehmen eine Finanzierungslücke in Höhe von rund 400 Milliarden Euro klafft.

Daran kann auch der KMU-Unterstützungsfaktor nichts ändern. Er wird nur bei Krediten bis zu einem Volumen von 1,5 Millionen Euro wirksam.

Diese Summe reicht nicht aus, um beispielsweise eine neue Fabrik zu errichten und auszustatten. An dieser Stelle wirken sich auch die in Deutschland schon seit einigen Jahren kräftig steigenden Preise für Baugrundstücke negativ aus. Mit dem KMU-Unterstützungsfaktor erlangte Kredite machen ohnehin nur einen geringen Anteil an den gewerblichen Bankfinanzierungen aus. Darunter fallen in Deutschland lediglich 18 Prozent aller an Mittelstandsunternehmen vergebenen Darlehen.

Deutsche Unternehmen müssen sich andere Finanzierer suchen

Durch die Verschärfung der in Basel III verankerten Richtlinien mit Basel IV sind also die Banken in Zukunft in vielen Fällen nicht mehr die idealen Ansprechpartner bei Fremdkapitalbedarf. Da stellt sich die Frage, wer die dadurch entstehende Lücke besetzen könnte. Von der Antwort profitieren nach Meinung der Kapitalmarktanalysten vor allem die Investmentgesellschaften. Sie bündeln das Kapital vieler Kleinanleger und bringen es so auf immense Summen, die für Beteiligungen zur Verfügung gestellt werden können. Die Investmentgesellschaften in Europa haben besonders gute Karten, denn in den EU-Ländern ist die Sparrate mit 12,1 Prozent insgesamt sehr hoch. Pro Jahr kommen durch die Sparer rund 860 Milliarden Euro zusammen. Ein knappes Drittel dieser Sparsumme fließt in Wertpapierkäufe. Das Ziel besteht deshalb darin, die Lukrativität der Investmentfonds so zu steigern, dass ein Teil der Spareinlagen dorthin verlagert wird.

Hatten die bisherigen EU-Bankenregulierungen Auswirkungen auf die Zinsen?

In Deutschland sind die Zinsen für gewerbliche Bankkredite seit 2015 um rund 0,5 Prozent gesunken. In Frankreich fielen die Zinssenkungen mit 0,6 Prozent ähnlich aus. Wesentlich deutlicher zeigen sie sich in Italien (1,1 Prozent) und Spanien (1,6 Prozent). In den Niederlanden und Belgien betrug die erzielbare Zinsersparnis lediglich 0,3 Prozent. In beiden Ländern gab es genau wie in Deutschland schon vor der EU-Regulierung auf nationaler Ebene hohe Anforderungen für die Vergabe gewerblicher Kredite an Mittelstandsunternehmen.Die Schlussfolgerung aus all diesen Daten lautet, dass Unternehmen mit einer allgemein guten Bonität von der EU-Bankenregulierung profitieren, während der Kreditzugang für Unternehmen mit einer weniger optimalen Bonität deutlich erschwert wird.

Kompensiert die EZB-Zinspolitik die Folgen?

Allerdings haben viele Anleger Bedenken wegen der bei Mittelständlern etwas umfangreicheren spekulativen Risiken. An dieser Stelle sind die Betreiber der Investmentfonds gefordert. Sie sollten die neue EU-Bankenregulierung zum Anlass für Änderungen am üblichen Mix der Fonds nehmen. Bei der Kombination aus internationalen Großunternehmen und national agierenden Mittelständlern sinkt das spekulative Risiko. Für ein geringeres Verlustrisiko nehmen Sparer auch niedrigere Gewinnaussichten in Kauf. Hier kommt den Investmentgesellschaften als Alternativen zur klassischen Bankfinanzierung ein weiterer Fakt entgegen. Dabei handelt es sich um die derzeitige Zinspolitik der EZB. Sie sorgt dafür, dass die beliebten Anlagen in Tagesgeldkonten und Festgeldkonten momentan nicht sehr lukrativ sind. Viele Sparer suchen deshalb nach Alternativen, die ihnen eine höhere Rendite versprechen, gleichzeitig aber ein überschaubares spekulatives Risiko bieten.

Welche Finanzierungen können die Folgen von Basel III und Basel IV noch dämpfen?

Viele Unternehmen gingen bereits vor der EU-Bankenregulierung einen anderen Weg als den zur Bank. Sie holten sich das notwendige Kapital für Investitionen aus den Reihen der eigenen Mitarbeiter. Die Vorgehensweise ist ganz einfach, denn dabei erhalten die Mitarbeiter Anteile an dem Unternehmen, in dem sie arbeiten.Gegenüber der klassischen Bankfinanzierung hat diese Variante der Beschaffung flüssiger Mittel nach der Bankenregulierung der EU noch mehr Vorteile als vorher. Statt der fixierten und von der Gewinnentwicklung unabhängigen Zinsen müssen die Unternehmen lediglich Anteile an tatsächlich erzielten Gewinnen zahlen. Durch den Verkauf von Anteilen sinkt außerdem das Risiko, dass unersetzliche Fachkräfte das Unternehmen verlassen. Gleichzeitig verstärkt sich die Motivation, einen direkten Beitrag zu einer positiven Entwicklung des Unternehmens zu leisten.

Auch Existenzgründer müssen nach der EU-Bankenregulierung neue Wege gehen

Nicht jeder Existenzgründer hat einen Anspruch auf Darlehen von Förderbanken. Nach dem Inkrafttreten der auf Basel III beruhenden Änderungen durch Basel IV wird es für sie ebenfalls noch schwieriger als bisher, Bankfinanzierungen für die Gründung zu erhalten. Außerdem dürften die dadurch steigenden Kreditkosten viele Gründer von der klassischen Bankfinanzierung abschrecken. Den Existenzgründern bleibt eine Finanzierung über eine Investmentgesellschaft durch die noch fehlenden Bilanzen üblicherweise verwehrt. Das heißt, sie werden durch die neue EU-Bankenregulierung noch stärker als bisher auf die Unterstützung von privaten Investoren oder den sogenannten Business Angels angewiesen sein. Letztlich dürfte die neue Bankenregulierung der EU also auch negative Auswirkungen auf die Zahl der Neugründungen von Unternehmen in der gesamten Europäischen Union haben. Wie sich das wiederum auf die Entwicklungen am Arbeitsmarkt auswirkt, dazu wagen die Analysten derzeit noch keine Prognosen.

Was hat die EU Capital Markets Union mit der Bankenregulierung zu tun?

Bei der EU Capital Markets Union handelt es sich um eine Initiative der Europäischen Kommission. Sie wurde geschaffen, um die bisher noch vorhandenen Hürden auf dem innereuropäischen Kapitalmarkt abzubauen. Sie bestehen in einer nur in Fragmenten übereinstimmenden Regelung des Kapitalmarkts in den einzelnen EU-Ländern. In vielen Fällen gibt es erhebliche Differenzen zwischen den gesetzlichen Normen zur Kreditvergabe. Eines der definierten Hauptziele der EU Capital Markets Union besteht in der Erleichterung des Kreditzugangs für kleine und mittelständische Unternehmen. Dieses Ziel lässt sich mit den geplanten Basel IV-Regelungen nach den bisherigen Einschätzungen der Finanzmarktexperten nicht erreichen.

Ganz anders sieht es mit der Diversifikation der Finanzierungsmöglichkeiten aus. Mit der EU-Bankenregulierung werden zunehmend mehr einheitliche Regelungen in allen EU-Ländern geschaffen. Das reduziert die Abhängigkeit der Kleinunternehmen und Mittelständler vom Wohlwollen der Banken in ihrem Heimatland. Die Inanspruchnahme von gewerblichen Krediten in anderen EU-Staaten wurde bereits durch die ersten Basel-Übereinkommen einfacher. Innerhalb der Europäischen Union besteht der Vorteil darin, dass die Unternehmer bei einem Auslandskredit keine Währungsrisiken in Kauf nehmen müssen.

Neue EU-Bankenregulierung: Wie fällt das Gesamturteil aus?

Die mit Basel IV verbundene Bankenregulierung ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer Vereinheitlichung des innereuropäischen Kreditmarkts. Doch in einigen Punkten verfehlen sie ihr Ziel. Anstatt dem Mittelstand den Zugang zu Bankfinanzierungen zu erleichtern, sorgen steigende Ansprüche an die Bonität dafür, dass der Zugang zu gewerblichen Krediten schwerer wird. Das könnte sich zu einem Bumerang entwickeln und einen Wandel bei der Konjunktur einläuten.

Die wirtschaftliche Entwicklung ist ohnehin durch die Unsicherheiten um den Brexit und die Zollstreitigkeiten zwischen den USA und der Europäischen Union belastet. Außerdem könnte der durch Basel IV erschwerte Zugang zu Gewerbekrediten zu Problemen bei der Umsetzung der Klimaschutzziele der Bundesregierung und der EU führen. Kurz gesagt. Die neue EU-Bankenregulierung hat eine positive und eine negative Seite.