Der Mikrokredit für Unternehmen – die Hilfe zur Selbsthilfe

Kleinkredit

Mikrokredite sind klassische Kredite, jedoch mit einer sehr kleinen Kreditsumme bis meistens 1.000 Euro. Mikro-, Mini- oder Kleinkredite werden besonders in der Entwicklungshilfe eingesetzt und spielen dort eine entscheidende Rolle. Diese Art von Kredit eignet sich für alle, die auf die Schnelle einen relativen kleinen Kredit mit einer sehr kurzen Laufzeit brauchen. Er ist in der Regel günstiger ist als ein Dispokredit. In vielen Entwicklungs- und Schwellenländern dieser Welt ist der Mikrokredit jedoch mehr als nur ein kleiner Kredit. Er kann effektiv dabei helfen die Existenz von Menschen zu sichern und bietet ihnen die Möglichkeit ihr eigenes Unternehmen zu gründen.

Um den in Entwicklungsländern eingesetzten ursprünglichen Mikrokredit von “unserem” in den Industriestaaten eingesetzten Mikrokredit zu unterscheiden, ist im angelsächsischen Sprachraum von sogenannten „Payday Loans“ die Rede. Er beschreibt den kleinen 30-Tage-Kredit, der online über FinTech-Vergleichsportale oder bei der Hausbank beantragt werden kann. Der eigentliche Mikrokredit hingegen ist für viele Menschen eine effektive Hilfe zur Selbsthilfe.

Die Geschichte des Mikrokredits

Die Geschichte des Mikrokredits begann streng genommen schon vor 150 Jahren, und zwar in Deutschland. Friedrich Wilhelm Raiffeisen hat in seiner Jugend nach dem frühen Tod des Vaters und Ernährers die Not um die Existenz hautnah miterlebt. Seine Mutter musste ihn und seine acht Geschwister mit wenig Geld großziehen. Nach Schule und Militär kam Raiffeisen zunächst als Kreissekretär nach Mayen in der Eifel und wurde später Bürgermeister von Weyerbusch im Westerwald. Im Rahmen seiner Aufgaben als Bürgermeister wurde Friedrich Wilhelm Raiffeisen erneut mit großer Armut konfrontiert. Vor allem im Schulwesen war die Armut der einfachen Bevölkerung deutlich zu sehen. Von Raiffeisen stammt der Ausspruch, dass „der beste Kampf gegen die Armut eine gute Schulbildung ist“. Raiffeisen war bürgernah und richtete Sprechstunden ein, um den Menschen in seiner Gemeinde einen Ansprechpartner für ihre Sorgen und Nöte zu bieten.

In seiner Tätigkeit als Bürgermeister ließ Raiffeisen ein neues Schulhaus bauen, damit die Kinder nicht mehr in kalten und zugigen Räumen sitzen mussten. Er ließ Straßen anlegen, die bei jeder Witterung befahrbar waren. Bereits damals gab es Klimaveränderungen, die für schlechte Ernten und damit für Hunger und Not sorgten. Raiffeisen gründet daraufhin einen Hilfsverein und konnte reichere Bürger seiner Gemeinde davon überzeugen ihr Geld in diesen Verein einzuzahlen. Mit dem Geld wurde ein Backhaus für die Gemeinde gebaut. Im Frühling diente das Geld dazu Saatkartoffeln für die Ärmsten zu kaufen. Im Herbst, wenn die Kartoffelernte erfolgreich war, konnten die Schulden dann zurückgezahlt werden.

Vom Kredit zum Mikrokredit

Auch als Friedrich Wilhelm Raiffeisen Bürgermeister von Flammersfeld war, setzte er sich für die Armen seiner Gemeinde ein. So ging Raiffeisen aktiv gegen den Viehwucher vor. Händler verkauften der oft ungebildeten Bevölkerung minderwertiges Vieh auf Kredit mit überhöhten Ratenzahlungen, zu extrem kurzen Laufzeiten und horrenden Zinsen. Um das zu unterbinden, gründete Raiffeisen wieder einen Verein. Die Mitglieder seiner Gemeinde konnten Geld in den Verein einzahlen, was den Bauern dann als Kredit zu fairen Zinsen zur Verfügung stand. Hatten sie nach der Ernte genug eingenommen, wurde der Kredit getilgt. Aus diesem Verein entwickelte sich die erste „Darlehenskasse“, die später zur „Volks- und Raiffeisenbank“ wurde. Raiffeisen ging es in erster Linie um die Hilfe zur Selbsthilfe. Er wollte keine Almosen verteilen, sondern günstige Kredite anbieten, die den Gläubigern und vorrangig Schuldnern nachhaltig halfen.

Nach diesem Prinzip sind die heutigen Mikrokredite entstanden. Bis heute gilt Friedrich Wilhelm Raiffeisen als Reformer, wenn es darum geht, Menschen eine Möglichkeit zu bieten sich selbst zu helfen.

Mikrokredite in der heutigen Zeit

Mikrokredite der heutigen Zeit sind in erster Linie ein Instrument in der Entwicklungspolitik. Ihren Ursprung haben die kleinen Kredite in Afrika, Indien und Bangladesch. Um den Menschen, die zum Teil in schrecklicher Armut leben müssen, finanziell auf die Beine zu helfen, gründete Muhammad Yunus eine Bank, die Grameen Bank, die 1983 ihre Arbeit aufnahm. Der studierte Volkswirt stammt selbst aus Indien und wollte die Zustände in seinem Heimatland nicht länger hinnehmen. Mit den von seiner Bank vergebenen Mikrokrediten schaffte er es, viele Menschen aus der Armut zu holen, ohne sie von Almosen abhängig zu machen. Für seine Arbeit wurde Muhammad Yunus im Jahre 2006 der Friedensnobelpreis verliehen.
Schon einige Jahre zuvor hatte Elmar Pieroth, ein Kaufmann und Politiker aus Deutschland, im afrikanischen Togo mit der Vergabe von Mikrokrediten begonnen, ebenfalls nach dem Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe.

In Europa kamen die ersten Mikrokredite in den 1990er Jahren auf. Damals zeigte sich, dass die Zahl derjenigen, die eine eigene Existenz gegründet haben, stetig anstieg und günstige Kredite gefragt waren. Die Menschen wollten damals aus der Arbeitslosigkeit kommen und brauchten Kapital.

1995 schließlich gründete die Weltbank eine „Beratungsgruppe für die Unterstützung der Armen“. Diese Gruppe hatte das Ziel 200 Millionen US-Dollar für die Vergabe von Mikrokrediten zur Verfügung zu stellen. Für die Vereinten Nationen sind Mikrokredite nach wie vor ein wichtiges Instrument zur Selbsthilfe, das den Armen weltweit zu einem besseren Leben verhilft.

An wen werden Mikrokredite vergeben?

Menschen mit einem nur kleinen oder unregelmäßigen Einkommen sind bei den Banken als Kreditkunden ungern gesehen. Wer ein Geschäft eröffnen will oder sich als Händler selbstständig machen möchte, braucht dazu dringend Geld von der Bank. Die Bank vergibt aber keinen Kredit, da ihnen die nötigen Sicherheiten fehlen. Schnell landen diejenigen, die sich beruflich eine Existenz aufbauen wollen, bei dubiosen Kreditvermittlern und schließlich bei einem Kredithai, der Geld zu horrenden Zinsen verleiht. Mikrokredite sind genau für diese Menschen geschaffen, denen die Bank einen normalen Kredit verweigert. Mit dem Mikrokredit erhalten diejenigen, die die Bank ablehnt, die Chance, ein Geschäft zu eröffnen und sich mit einer Dienstleistung oder einem Handwerk selbstständig zu machen.

In den Entwicklungs- und Schwellenländern sind es vor allem Frauen, die von einem Mikrokredit profitieren können. Viele Frauen in Afrika und Asien haben keinen Zugang zur Bildung. Sie können weder lesen noch schreiben. Vielfach sind sie noch sehr jung,bessere Zukunft zu ermöglichen. Den Mikrokredit nutzen diese Frauen, um sich eine Nähmaschine oder einen Webstuhl zu kaufen, vielfach machen sie sich auch selbstständig. Heute sind immer mehr dieser Frauen in der Lage, selbstbestimmt zu leben und ihren Kindern eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Auf diese Weise wird Armut weltweit sehr effektiv bekämpft bzw. verringert.

Wer vergibt Kleinkredite?

Es sind nicht nur Banken wie die Weltbank, die Kleinkredite an Menschen in den Entwicklungsländern vergeben. Auch private Banken und Unternehmen, wie die Bank von Nobelpreisträger Muhammad Yunus, verleihen Geld zu fairen Konditionen an Menschen, die sonst keinen Kredit bekommen. Mittlerweile gibt es in vielen Ländern der Dritten Welt kleine Dorfbanken, die Mikrokredite vergeben. Erstaunlich ist dabei die hohe Rückzahlungsquote von 98 %. Allein die von Muhammad Yunus gegründete Grameen Bank hat heute mehr als 6.000 Filialen. Bis heute haben bereits 8 Millionen Menschen, meist Frauen, von dieser Bank einen Mikrokredit erhalten.

Pro Monat vergibt allein die Grameen Bank ein Kreditvolumen von insgesamt 125 Millionen US-Dollar. Durchschnittlich liegt die Kreditsumme bei 200 US-Dollar. Die Grameen Bank verlangt hierfür zwischen 20 – 30 % Zinsen im Jahr. Das sind nach europäischen Maßstäben sehr hohe Zinssätze. Sie sind aber immer noch deutlich niedriger als die Wucherzinsen, die in der Regel in diesen Ländern gefordert werden. Wucherer verlangen zwischen 80 – 100 % Zinsen pro Jahr. Dazu kommt dann noch ein sogenanntes Berater- oder Betreuungsgeld.

Banken wie die Grameen Bank schlagen mit den Mikrokrediten gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Sie verhelfen Menschen, die sonst keinen Kredit bekommen, zu einem Darlehen und sorgen gleichzeitig dafür, dass Wucherer keine Geschäfte mehr machen können.

Neben Stiftungen treten heute auch staatliche Hilfsorganisationen als Geldgeber für Mikrokredite auf. Allein von diesen Geldgebern ist ein Kreditvolumen von mehr als 70 Milliarden US-Dollar im Umlauf. Rund 100 Millionen Menschen auf der ganzen Welt profitieren von diesen Krediten. Aus Deutschland ist zum Beispiel die Deutsche Bank mit einem „Research Program“ als Kreditgeber dabei und hilft Menschen, ihren Lebensunterhalt selbst zu erarbeiten.

Wie funktionieren Mikrokredite?

Mikrokredite funktionieren im Grunde wie alle anderen klassischen Kredite auch. Der Kreditnehmer stellt bei seiner Bank einen Antrag und begründet seinen Wunsch nach einem Kredit. Ist die Begründung logisch und plausibel, dann gewährt die Bank den Kredit und der Kunde zahlt die Summe plus Zinsen nach einer vorher vereinbarten Laufzeit wieder an die Bank zurück.

Bei einem Mikrokredit für die Dritte Welt ist jedoch eines anders als bei einem herkömmlichen Kredit: Die Kunden müssen keine Sicherheiten mitbringen, denn bei den Kreditnehmern von Mikrokrediten handelt es sich um die Ärmsten der Armen. Diese Menschen haben keine Rücklagen und keine Sicherheiten. Laut der Weltbank sind die meisten Kunden, die einen Mikrokredit beantragen, so arm, dass sie nicht einmal einen einzigen Dollar am Tag verdienen, wenn sie in einem Angestelltenverhältnis arbeiten.

Die Armut und Abhängigkeit dieser Menschen verspricht den Banken und auch privaten Geldgebern ein stetiges Wachstum ihres Geschäftes. Kritiker bezeichnen das als ein Geschäft mit der Armut. Ganz von der Hand zu weisen ist dieser Vorwurf nicht. Die Menschen können sich zwar mithilfe eines Mikrokredits helfen, leben jedoch gleichzeitig wieder in einer gewissen Abhängigkeit, in diesem Fall zum Kreditgeber. Trotzdem ist ein Mikrokredit oftmals die einzige Lösung, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen und Geld zu verdienen. Die hohe Rückzahlungsquote und die Erfolge, die Mikrokredite bisher vorweisen können, sprechen allerdings eher für sie.

Nichtsdestotrotz hat der Mikrokredit auch seine Schattenseiten und einige erwähnenswerte Nachteile.

Nachteile

Kein anderes Finanzinstrument hatte in den vergangenen Jahren einen so großen Erfolg wie der Mikrokredit. Aber selbst wenn dies ein Erfolgsmodell ist, die Kritiken werden immer lauter. So hat sich der klassische Mikrokredit als sehr anfällig für Missbrauch und Korruption erwiesen. Schon seit einiger Zeit ist von sehr lukrativen Geschäften und von spektakulären Börsengängen die Rede. In den Fokus der Kritik geriet zum Beispiel die Bank Compartamos, eine Bank aus Mexiko, die sich auf Mikrokredite spezialisiert hat. Auch die Organisation SKS Microfinance aus Indien hat einen mehr als schlechten Ruf. Erschreckend sind besonders die Berichte aus dem Süden Indiens. Dort sollen Mikrokredit-Anbieter einige Kunden, die bereits heillos überschuldet waren, in den Selbstmord getrieben haben.

Effektive Maßnahme zur Armutsverringerung

Dass es vielfach Organisationen gibt, welche die Gier nach Profit über den Erfolg ihrer Kunden stellen, ist für Muhammad Yunus nichts Neues. Er weigert sich jedoch, diese Organisationen und fragwürdigen Geschäftsmodelle im Zusammenhang mit Mikrokrediten zu sehen. Das blinde Streben nach Profit, so Yunus, darf den eigentlichen Sinn der Mikrokredit Bewegung nicht schaden. Die Mikrofinanzierung solle unbedingt ihren sozialen Status behalten.

Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler wie die Norweger Bertil Tungodden und Kjetil Bjorvatin geben die Idee  des Mikrokredits nicht auf. Sie haben einen Maßnahmenkatalog für Kreditanbieter erarbeitet, der für alle bindend sein sollte. So sollen unter anderem Mikrokredite niemals wahllos gewährt werden. Kreditnehmer wie auch seine Geschäftsidee sollten sehr sorgfältig ausgesucht werden. Zu jedem Mikrokredit sollten zudem spezielle Trainings- und Schulungsprogramme angeboten werden, damit die Kreditnehmer die Funktionsweise des Kredites verstehen. Außerdem ist es wichtig, dass die Kreditnehmer Zugang zu den Mikro-Sparkonten und den Mikro-Versicherungen haben. Sie müssen wissen, dass die Sparkonten und Versicherungen eine Art Rücklage für eventuelle Notlagen darstellen. So können sich die Kreditnehmer finanziell schützen, sei es vor Naturkatastrophen oder vor Ernteausfällen.

Wenn den Menschen in Entwicklungsländern Mikrokredite gewährt werden, ist das allemal eine gute Sache. Dass die Idee funktioniert, beweisen die stetigen Erfolgsmeldungen. Dass sich mit diesen Maßnahmen die Armut jedoch nicht generell besiegen lässt, weiß auch Muhammad Yunus, der Erfinder des Mikrokredits.