Leerverkäufe – Mit fallenden Kursen Gewinn erwirtschaften! [+Beispiel]

Leerverkauf bzw. Short-Selling

Bei Leerverkäufen bzw. dem sogenannten Shortselling handelt es sich um den Abschluss von Rechtsgeschäften. Dabei besitzt der Verkäufer das Eigentum am verkauften Wertpapier zunächst noch nicht. In diesem Artikel erklären wir Ihnen, was genau dahintersteckt, wie die Rechtslage ist und welche Chancen und Risiken Leerverkäufe aufweisen.

Begriffserklärung: Leerverkäufe

Von Leerverkäufen wird im Finanz- und Bankwesen dann gesprochen, wenn beispielsweise Wertpapiere oder Devisen bereits verkauft werden, obwohl sie sich noch nicht im Eigentum des Verkäufers befinden. Es wird eine Art Versprechung auf ein Finanzprodukt, eine leere Hülle verkauft. Teilweise hat der Verkäufer das Finanzprodukt zumindest bereits geliehen. Unterschieden werden Leerverkäufe in gedeckte und ungedeckte Leerverkäufe.

Beim ungedeckten Leerverkauf besitzt der Verkäufer weder das Eigentum noch einen Anspruch auf das Eigentum des Finanzproduktes. Beim gedeckten Leerverkauf hat der Verkäufer bereits einen Anspruch auf das Produkt. Die Definition der Unterscheidung kann in manchen Fällen abweichen. Wir beziehen uns hier auf die gültige Beschreibung durch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin). Alternative Begriffe für Leerverkäufe sind Blankoverkauf und Shortsale. Durch die Realisierung von Blankoverkäufen erhoffen sich Verkäufer eine Risikominimierung. Es wird das Risiko minimiert, Finanzprodukte vorrätig halten zu müssen. Schließlich schwanken gerade bei Aktiengeschäften die Kurse manchmal sehr stark.

Über Shortsales besteht die Möglichkeit, Finanzprodukte zu verkaufen, bevor sie final eingekauft werden müssen. Auf diese Weise kann der Verkäufer vermeiden, auf eigenen Beständen sitzen zu bleiben. Zudem muss er den Einkauf nicht vorfinanzieren. Über Leerverkäufe erhalten auch neue Marktteilnehmer wie FinTechs die Chance, sich ohne viel Kapital am Markt zu etablieren. Dennoch gibt es teilweise rechtliche Bedenken, doch dazu später mehr.

Ursprung des Leerverkaufs

Blankoverkäufe gibt es bereits seit etwa dem Jahr 1600, als der niederländische Händler Isaac Le Maire mehr Anteile an einem Handelsunternehmen verkaufte, als er besaß. Damals wurde dieses Geschäft verurteilt. Leerverkäufe wurden infolgedessen verboten. Wenige Jahre später hob man das Verbot wieder aufgehoben. Seitdem hat sich der Begriff und die Umsetzung des Shortsales entwickelt und weltweit etabliert. Auf dem heutigen Markt werden Leerverkäufe mit dem Spekulationsgeschäft verbunden. Verkäufer gehen davon aus, dass sie beispielsweise Anteile oder Anleihen zu einem späteren Zeitpunkt günstiger erwerben können. Die Spekulation kann auch nach hinten losgehen.

Wie ist das Vorgehen bei Leerverkäufen?

Im Folgenden wollen wir Ihnen den Ablauf der Leerverkäufe kurz Anhand des Beispiels des Blankoverkaufs von Aktien erläutern. Hierdurch können Sie für sich ein tieferes Verständnis entwickeln.

Nehmen wir einmal an, Sie wollen Aktien einer Gesellschaft kaufen. Sie erwerben 1.000 Aktien zum Wert von 50 Euro je Aktie. Dies entspricht einem Depotwert in Höhe von 50.000 Euro. Voller Hoffnung schauen Sie in die nächsten Wochen. Was Sie aber noch nicht wissen ist, dass Ihr Händler nicht der Eigentümer der an Sie verkauften Aktien ist. Er hat sich die Wertpapiere lediglich geliehen. Hierfür hat er beispielsweise eine Leihgebühr von 5.000 Euro an einen Broker gezahlt. Genau genommen müsste er die verkauften Aktien im Folgenden käuflich erwerben (Deckungskauf). Entgegen dem unverzüglichen Deckungskauf spekuliert der Verkäufer unter Umständen darauf, dass der Kurs in den nächsten Tagen fallen wird. Dementsprechend wartet er mit dem Deckungskauf. Diese Methode der Leerverkäufe ist auch als Hedging-Methode bekannt.

Chance ergriffen

In den kommenden Tagen fällt der Kurs wirklich. Der Leerverkäufer hatte Glück. Er hat gut spekuliert und kann die Aktien zu einem Kurs von 30 Euro kaufen. Insgesamt kauft er also Aktien für nur 30.000 Euro ein. Für sein eingesetztes Kapital im Wert von 5.000 Euro erzielt er einen Return von 20.000 Euro. Der Gewinn entspricht dem Vierfachen des eingesetzten Kapitals. Potenzielle Verkaufsgebühren sind dabei nicht berücksichtigt.

Das ganze Geschäft hätte aber auch in die andere Richtung gehen können. Der Verleiher der Aktien hätte diese jederzeit vorab zurückfordern können. Außerdem hätte der Kurs steigen können. Eine Kurssteigerung hätte den gegenteiligen Effekt. Wäre der Aktienkurs auf 70 Euro gestiegen, so hätte der Händler zusätzlich zum eingesetzten Kapital einen Verlust von 20.000 Euro ausgleichen müssen. Auf Basis der gesetzlichen Lage handelt es sich bei Leerverkäufen um eher sehr kurzfristige Geschäfte. Grund hierfür ist die Erfordernis der Nachlieferung der verkauften Aktien innerhalb weniger Tage.

Arten von Leerverkäufen

Grundsätzlich werden zwei verschiedene Arten von Leerverkäufen unterschieden. Im Folgenden bringen wir Ihnen die Unterscheidung näher.

Leerverkäufe als Kassageschäft

Leerverkäufe als Kassageschäft sind vom Aspekt des Aktienverkaufs her nicht stark abgrenzbar von Standardverkäufen:

  1. Am Markt fragen Kunden Aktien an
  2. Der Leerverkäufer verkauft Aktien scheinbar unmittelbar

Angebot und Nachfrage treffen unmittelbar aufeinander. Allerdings sieht der Käufer nicht auf dem ersten Blick, dass er an einen Leerverkäufer geraten ist. Die Wertpapiere, die ihm zur Verfügung stehen sind von einem Leerverkäufer bereitgestellt wurden. Der Leerverkäufer hat ihm Aktien zum aktuellen Marktpreis verkauft. Zur Bereitstellung der Aktien hat dieser die Aktien beim Kassageschäft entweder zunächst geliehen (Wertpapierleihe) oder in Form eines Wertpapierpensionsgeschäftes erworben. Das Pensionsgeschäft beschreibt den Handel bei dem sich der Verkäufer bereiterklärt, die Aktien nach einer bestimmten Periode zurück zu kaufen. Wenn es sich beim Geschäft um Devisenhandel handelt, erfolgt die initiale Bereitstellung der Devisen entweder über einen Kredit in der Fremdwährung oder über einen Devisenswap. Beim Swap werden zwei Währungen zu einem Zeitpunkt gekauft und zu einem späteren Zeitpunkt wieder zurückverkauft. Der Leerverkäufer zahlt dem Leihenden oder Kreditgeber eine Gebühr für die Bereitstellung der Aktien, beziehungsweise der Devisen.

Zu einem späteren Zeitpunkt kauft der Leerverkäufer die Aktien dann wirklich am Markt. Dies geschieht nach aktuellem Recht je nach Markt am zweiten, spätestens aber am dritten Tag nach dem Blankoverkauf. Er erwirbt das Eigentum des ursprünglichen Leerkäufers. Die „leere“ Hülle vom Geschäftsvertrag wird mit Wertgegenständen in Form von Wertpapieren gefüllt. Der Erwerb erfolgt über den neuen Marktpreis. Wenn der Leerverkäufer erfolgreich war, kann er einen günstigeren Preis als den Verkaufspreis durchsetzen. Wenn nicht, muss er draufzahlen. Entsprechend ist das Leergeschäft mit Aktien oder Devisen ein Spekulationsgeschäft. Der Markt sollte dem Leerverkäufer dabei sehr gut bekannt sein. Wenn nicht, können ihm immense Verluste drohen. Bei Leerverkäufen als Kassageschäft erfolgt der Erwerb der Wertpapiere unmittelbar. Die „Ware“ ist spätestens drei Tage nach Vertragsabschluss als Eigentum zur Verfügung zu stellen.

Leerverkäufe als Termingeschäft

Bei Leerverkäufen als Termingeschäft gibt es einen kleinen, aber feinen Unterschied zum Blankoverkauf als Kassageschäft: Das Timing.

  1. Zunächst wird ein Vertrag zwischen Leerverkäufer und dem Leerkäufer vereinbart. Sie vereinbaren in diesem Vertrag ein Termingeschäft. Dies bedeutet: Der Leerkäufer kauft die Wertpapiere erst zu einem späteren Zeitpunkt. Folglich hat der Verkäufer beim Blankogeschäft einen großen Spielraum zur Spekulation.
  2. Bis zum Tag des Termingeschäfts hat der Leerverkäufer Zeit dafür, das Eigentum an den Wertpapieren zu erwerben. Die Wahl des Zeitpunktes des Erwerbs des Eigentums liegt vollkommen in der Hand des Leerverkäufers. Der er den Verkaufspreis bereits kennt, kann er den Deal hoffentlich positiv gestalten.
  3. Am Tag des Termingeschäfts findet dann der Verkauf der Wertpapiere statt. Der Kaufpreis und möglicherweise eine Provision werden an den Leerverkäufer gezahlt. Die verkauften Wertpapiere werden an Leerkäufer übertragen.

Ähnlich wie beim Kassageschäft trägt der Leerverkäufer auch bei Leerverkäufen als Termingeschäft die Risiken seines Handelns, Spekulationen können für den Verkäufer gut verlaufen oder auch böse enden. Er kann Gewinne oder Verluste erzielen. Die Chancen und Risiken stehen ähnlich wie bei den Leerverkäufen als Kassageschäft. Der Verkäufer hat lediglich einen längeren Zeitraum für Spekulationen, was ihm mehr Erfolgschancen geben kann.

Einen hohen Vergleichbarkeitswert haben Leerverkäufe als Termingeschäft auch mit dem Optionshandel. Hierbei werden Kaufoptionen und Verkaufsoptionen zu einem späteren Zeitpunkt in Option gestellt. Es wird ein bedingtes Termingeschäft eingegangen. Wie hoch der Wert der Optionen zum Stichtag sein wird ist dabei ungewiss. Auch in diesem Beispiel können Gewinne oder Verluste erzielt werden. Ein wesentlicher Unterschied liegt darin, dass es lediglich eine Kaufoption/ Verkaufsoption gibt. Es besteht das Recht, den initial vereinbarten Kaufvertrag zum Temin final abzuschließen. Dies ist keine Pflicht. Der Optionsinhaber kann vom Kauf/Verkauf sogar kurzfristig noch zurücktreten. Beim Leerverkauf besteht eine Abnahme-, aber auch eine Verkaufspflicht. Nur wenn beide Seiten übereinstimmen, können sie noch vom Vertrag zurücktreten.

Chancen und Risiken des Geschäfts mit Leerverkäufen

Die Vor- und Nachteile von Leerverkäufen können unter Umständen sehr stark ins Extreme gehen. Sie können für den Leerverkäufer erhebliche Gewinne, aber auch Verluste bringen. Aus diesem Grund ist die Ausführung von Blankoverkäufen nur dann empfehlenswert, wenn der Blankoverkäufer den Markt auch kennt. Wenn dies der Fall ist, dann hat er die Chance, von sinkenden Marktpreisen zu profitieren. Üblicherweise erzielen Sie Profite zumeist bei steigenden Kursen. Shortsales ermöglichen das Gegenteil. Sie können in fallende Marktpreise investieren und profitieren. Mit Fachkenntnis und Glück können Sie mit einem relativ geringen Mitteleinsatz (zum Beispiel der Leihgebühr) einen hohen Return of Investment (ROI) erzielen, wenn sich die Kurse ins Extreme verändern. Bei einer moderaten Kursentwicklung sind auch die monetären Chancen auf Erfolg lediglich moderat. Für den Erfolg kommt es bei Leerverkäufen für den Leerverkäufer darauf an, den richtigen Moment für ein Investment zu finden. Der beste Zeitpunkt entscheidet über den Erfolg: Gewinn oder Verlust?

Das Eindeckungsrisiko

Entsprechend verhält sich das Marktpreisrisiko bei Leerverkäufen exakt spiegelverkehrt zur Standardanlage in beispielsweise Aktien. Sinkende Preise führen zu Gewinnen. Steigende Marktpreise führen zu Verlusten. Wenn sich der Verkäufer beim Blankoverkauf nicht rechtzeitig mit Wertpapieren eindeckt, droht zudem das Eindeckungsrisiko: Wenn Wertpapiere beispielsweise nicht in ausreichender Menge verfügbar sind, kann entweder der Preis ansteigen oder es können am Ende keine oder nicht ausreichend Wertpapiere geliefert werden.

Äquivalent zu den Folgen einer Nichtlieferung bei einem Kaufvertrag, kann der Käufer bei Nichterfüllung vom Vertrag zurücktreten. Zusätzlich kann er Schadensersatz geltend machen. Folglich kann es für den Leerverkäufer je nach Kursentwicklung teuer werden. Zuspitzen kann sich die Situation, wenn die Preise wider der Spekulation nach dem Geschäftsabschluss steigen. Wenn der Blankoverkauf eine große Masse an Wertpapieren berücksichtigt, kann die Nachfrage zur Erfüllung des Geschäfts die Marktpreise weiter in die Höhe treiben. Diese Situation kann Kurse kurzfristig extrem ansteigen lassen. Es wird als Short Squeeze bezeichnet.

Die Rechtslage bei Leerverkäufen

Rechtlich gibt es immer wieder Bewegung im Bereich der Leerverkäufe. Teilweise werden sie verboten. Später findet wieder eine Auflockerung der Verbote statt. Im Folgenden werden wir auf die rechtliche Situation von Blankoverkäufen in Deutschland und später kurz auf alternative Regulierungsmöglichkeiten eingehen.

Sind Leerverkäufe in Deutschland mit dem Recht konform?

Nach deutschem Recht sind Leerverkäufe nicht eindeutig definiert. Dennoch ist die Bedeutung eindeutig. Da es sich beim Leerverkauf um einen Kaufvertrag handelt, unterliegt es dem Kaufvertragsrecht. Wesentliche Regelungen sind im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) definiert. Nach Kaufvertragsrecht sind Leerverkäufe nicht verboten. Sie sind folglich legitim und rechtswirksam. Der Leerverkäufer verpflichtet sich nach §433 Absatz 1 BGB lediglich, dem Käufer das Eigentum zu verschaffen. Er selber muss das Eigentum zum Zeitpunkt des Verkaufs nicht besitzen. Die Eigentumsübertragung muss folglich nicht sofort geschehen. Hierbei wird vom Trennungsprinzip gesprochen. Somit sind Leerverkäufe an sich rechtlich wirksam und nicht unbedingt nur bei Wertpapieren zu finden. Leergeschäfte können in allen Bereichen der Wirtschaft und des Handels gefunden werden.

Lieferunfähigkeit

Eine wesentliche Herausforderung besteht darin was passiert, wenn der Kaufgegenstand eines Leerverkaufs nicht übergeben werden kann. Gemäß dem §311 BGB wird das abgeschlossene Rechtsgeschäft durch Nichterfüllung nicht unmittelbar unwirksam. Lieferhindernisse sorgen nicht unbedingt dafür, dass Kaufverträge nicht erfolgreich abgewickelt werden können. Lediglich wenn die Erfüllung – die Beschaffung beispielsweise der Aktien als Vertragsgegenstand des Vertrags des Leerkaufs – des Vertrages zum Zeitpunkt der Übertragung unmöglich ist, wird dem Käufer nach den §§275 und 326 BGB ein Rücktrittsrecht zugestanden. Laut §311 BGB steht ihm außerdem ein Schadensersatz wegen dem entgangenen Nutzen durch Nichterfüllung des Kaufvertrages zu. Auf Basis der EU Richtlinie 236/2012 (auch EU-Leerverkaufsverordnung) sind ungedeckte Leerverkäufe innerhalb der gesamten Europäischen Union zudem verboten. Dies ergibt sich aus den Artikeln 12 und folgende der Richtlinie 236/2012. Diese wurde mit Hilfe des §53 des Wertpapierhandelsgesetzes (WpHG) schließlich auch in deutsches Recht übernommen.

Weitere Regulierungsmöglichkeiten

Auch wenn gedeckte Leerverkäufe somit rechtlich möglich bleiben, so kann die BaFin kurzfristig auch diese verbieten. Dies ergibt sich aus dem §6 Absatz 1 des WpHG. Dies kann erfolgen, wenn auf dem Markt erhebliche Missstände drohen. Aus vergangenen Krisen auf den Finanzmärkten sowie der Euro Währungskrise hat die Rechtslegung gelernt und sich entsprechende Optionen offen gelassen. Ziel solcher Maßnahmen ist der Schutz des eigenen Marktes an Wertpapieren und Devisen sowie die Einschränkung des Spekulationsgeschäfts. Krisen sowie extrem künstliche Kursschwankungen sollen vereitelt oder abgeschwächt werden. Die Stabilität des Euros soll unterstützt werden.