FreightTech – Die logistische Technologie der Zukunft

FreightTech

Was ist FreightTech?

Der Begriff FreightTech beschreibt die Anwendung digitaler Technologien in der Logistikbranche in den Bereichen Intelligence, Automatisierung und Integration. Ihr Ziel ist die Verbesserung von Transparenz und Effizienz logistischer Systeme sowie die Koordination, Durchführung und Kontrolle von Frachtsendungen. Hierbei geht es nicht nur um Logistik im weiteren Sinne, sondern auch um Auftragsverarbeitung und Supply-Chain-Management.

Die Basis – oder erste Säule – von FreightTech bildet die Intelligence. Die Verbesserung der Fähigkeit, große Datenmengen zu erfassen und zu verarbeiten ist essentiell für sämtliche modernen Technologien der Branche. Sensoren übermitteln kabellos Daten an Datenbanken und Rechenzentren, die dort von Software mittels maschinellem Lernen ausgewertet und für folgende Arbeitsschritte zur Verfügung gestellt werden. Die nötige Technologie vereint Innovationen aus Sensortechnik und Kommunikationstechnologie. Insbesondere Bereiche wie funkgestützte Datenübermittlung, Big Data, Bilderkennung und künstlicher Intelligenz bedürfen eines Teams aus eng miteinander arbeitenden Experten, um ideal ineinander greifen zu können.

Automatisierung als nächste Säule umfasst v.a. fahrerlose Transportfahrzeuge, aber auch Lagertechnik wie automatische Sortier- und Lagerroboter. Die hier eingesetzte Technologie wird immer komplexer und gleichzeitig günstiger, sodass sie für eine breitere Masse an Unternehmen erschwinglich wird.
Der gesamte Bereich hat noch immer riesiges Potential für Innovationen. Autonome Robotik scheitert noch immer an komplexen Arbeitsschritten. Das hemmt die zunehmende Automatisierung von Pack-, Lagerungs- und Transportprozessen sowohl innerhalb eines Logistikzentrums als auch auf langen Transportwegen. Diese Hürden zu überwinden erfordert kreative Lösungen.

Die letzte Säule ist die Integration. Über Technologien wie Blockchain oder Cloud Computing wird ein digitales Ökosystem gebildet, in dem eine Vielzahl verschiedenster Geräte kommuniziert und durch Managementsysteme gesteuert werden kann. Zusätzlich bieten Plattform-Modelle eine Möglichkeit, die Koordination zwischen den Stakeholdern zu verbessern, was gerade im europäischen Raum noch nicht gelungen ist.

Das Roland Berger FrightTech Whitepaper von 2020 beschreibt FrightTech als eine Branche voller potenziell disruptiven Ideen. Es wird innerhalb der nächsten 5 – 10 jahre ein signifikanter Einfluss auf die Logistikbranche erwartet.

Erkenntnisse aus dem Roland Berger FrightTech Whitepaper 2020

FreightTech revolutioniert jeden Teil der Wertschöpfungskette

Jeder Aspekt der Logistik kann von FreightTech profitieren. Schon während der Produktion können automatisierte Lagerungssysteme und Supply-Chain-Management-Systeme genutzt werden, einen Überblick über Bauteile, Rohstoffe und fertige Waren zu behalten. Außerdem können Nachbestellungen ausgelöst und mit Abrechnungen und Lieferscheinen die Buchhaltung unterstützt werden.

Vor der Übergabe der Ware an den Spediteur müssen Arbeitsschritte wie Preisvergleich, Ausschreibung, Anfrage und Angebotsverhandlung durchgeführt werden. Hierbei kann eine intelligente Management-Software viel Zeit und Mühe sparen. Einschlägige Dienstleister bieten intelligente Preisvergleiche an und Software-Schnittstellen erleichtern die Kommunikation zwischen Versender und Spediteur. FreightTech2Die elektronische Lieferverfolgung ermöglicht schon an diesem Punkt eine Positionsbestimmung der Sendung.
Auf der ersten Meile sind autonome Abholsysteme die Vision der Zukunft. Bereits jetzt wird dynamisches Routing zur effektiven Leitung von Abholfahrzeugen eingesetzt, um Waren effektiv und zeitnah auf den Weg zu bringen. Sogenannte Just-in-Time- und Just-in-Sequence Abholungen sind hierbei besonders effizient, weil sie sich nahtlos in den Produktionsprozess einfügen.
Beide Begriffe beschreiben eine Abholung, die genau dann verfügbar ist, wenn der Kunde sie benötigt. Z.B. direkt bei Fertigstellung eines Werkstücks oder eines Zwischenprodukts, dass weitertransportiert werden muss.

Auch beim Spediteur kann der Umladeprozess durch automatische Lagersysteme und passende Managementsoftware optimiert werden. Der eigentliche Transport per LKW wird in naher Zukunft immer weiter durch moderne Telematiksysteme, Fahrassistenzen und autonome Fahrtechnologien unterstützt werden. Diese werden Lieferzeitpunkte noch genauer voraussagen können und die Strategie des Lieferverkehrs merklich verändern.

Z.B. wird die Platooning-Technologie durch das Bilden großer LKW-Konvois das allgemeine Vorankommen des LKW-Verkehrs verbessern und den einzelnen Fahrer entlasten. Der gesamte Prozess wird begleitet von intelligenten Lieferscheinen sowie elektronischen Finanz- und Versicherungsdienstleistungen.

Das FreightTech Ökosystem

Der Begriff des Ökosystems definiert sich als eine Lebensgemeinschaft von Organismen mehrerer Arten und ihrer unbelebten Umwelt. Wie passt dieser Begriff auf die Logistikbranche?

Ziemlich gut! Das FreightTech Ökosystem als Lebensraum beinhaltet neben einigen “großen Lebensformen” (traditioneller “full service” Unternehmen wie Spediteuren und Transporteuren) viele “kleine Lebensformen”. Diese werden repräsentiert durch Software-Provider, Dienstleistungsplattformen, Telematik-Experten und andere Spezialisten. Diese bieten für traditionelle Unternehmen komplexe Software-, und Automations-Lösungen auf Basis modernster Technologie an.

So wie kleine spezialisierte Lebensformen in einem Ökosystem die großen Spezies ergänzen, so organisieren sich auch in der Logistikbranche kleine Spezialisten um die großen Unternehmen. Wie in der Natur bildet sich auch hier ein Wechselspiel aus Beziehungen, das Symbiosen und Konkurrenzen sowie Ergänzungen und Redundanzen umfassen kann. So formt sich ein gesundes wirtschaftliches System, in dem alle Parteien direkt oder indirekt voneinander abhängig sind.

FreightTech in großen Unternehmen

Einige große Logistikunternehmen haben das Potential von FreightTech bereits erkannt und entsprechende Expertise in eigens dafür gegründeten Tochterunternehmen gesammelt. Zum Beispiel: Die DHL Tochter Saloodo! bringt Spediteure und Versender auf einer Plattform zusammen. Sie vermittelt Fracht an Transportdienstleister, die freie Kapazitäten haben und ermöglicht von neutraler Seite aus Preisvergleiche.

DB Schenkers Drive4Schenker ist ein Online-Suchportal für Ladungen, dass sich gezielt an Spediteure richtet. TradeLens von MAERSK und IBM schlägt dagegen in eine andere Kerbe und bietet eine Supply-Chain-Plattform speziell für Seetransporte an.

FreightTech Potential – Investoren sind überzeugt

Die Investitionsmengen in FreightTech Unternehmen lagen 2009 bis 2019 im Milliardenbereich. Mit einer durchschnittlichen Finanzierungssumme von 6,7 Mio. USD per Unternehmen ist Europa vergleichsweise schwach finanziert. Trends aus den USA (22,5 Mio USD pro Unternehmen) zeigen allerdings, dass Investoren einiges an Potential in der Branche sehen.

Gerade der europäische Raum ist durch die vielen Staatsgrenzen logistisch komplex. Deshalb profitiert er besonders von intelligenten Softwarelösungen, welche die verschiedenen Regularien berücksichtigen und korrekt anwenden können. Das lässt vermuten, dass Europa in den nächsten Jahren nachziehen wird.

FreightTech3Zusätzlich erschwert wird dies durch die generelle Heterogenität der beteiligten Branchen. Bisher halten fehlende Standards und zu wenig Vertrauen der Marktteilnehmer die Entwicklung zurück. Hier ist im Bereich der Integration mit Abstand das meiste Innovationspotential zu finden. Während große Namen wie Amazon oder Alibaba ihre Kompetenzen in diesem Bereich immer weiter ausbauen, steigt das Bedürfnis nach Konkurrenz und alternativen Angeboten in der Branche. Junge Unternehmen können diese Gelegenheiten gezielt nutzen. Zusätzliche Finanzierungen oder Leasingangebote können hier die nötige Starthilfe geben.

Schlüsselelemente für maximale Chancen im FreightTech-Bereich

Der Kern für den Erfolg von FreightTech-Lösungen ist die Digitalisierung. Traditionelle Unternehmen benötigen hohe Investitionen, um diese erfolgreich in ihren Unternehmen durchzuführen. Dadurch können junge Unternehmen in diesen Bereichen überlegene Services anbieten. Mit diesen können schließlich nur die wirklich großen Marktteilnehmer mithalten, die das nötige Kapital zur Digitalisierung ihrer Prozesse haben.

Digitale Spediteure überflügeln ihre traditionelle Konkurrenz v.a. in den Bereichen Versandtempo, ETA-Genauigkeit, Instant-booking und Liefertransparenz. In seinem Whitepaper beschreibt Roland Berger weiterhin sechs Schlüsselelemente für die Maximierung von FreightTech-Wert und -Nutzen:

  • Nutzung relevanter Ökosystem-Chancen

Eine klare Unternehmensvision und eine Analyse Marktumgebung führen zu einer klaren Einschätzung der intern wie extern verfügbaren Ressourcen mit Hinblick auf das Ziel.

  • Definition des eigenen Mehrwerts

Das Verstehen der eigenen aktuellen Position führt zu Erstellung einer Strategie zur Schaffung einer Nische im eigenen Ökosystem.

  • Entwicklung von Ökosystem-Governance & Risikostreuung

Die konstante Beobachtung der Marktumgebung ermöglicht es, Prozesse zu entwickeln, um auf Marktbewegungen zu reagieren. Steht der Plan, kann er durch Anpassung und Erweiterung auf weitere Ökosysteme ausgeweitet werden. So wird der Mehrwert des Unternehmens in einem Verbund von Ökosystemen definiert, was die optimale Versorgung der Kunden bei maximaler Kosteneffizienz ermöglicht.

  • Identifizierung & Einführung relevanter Technologien

In einer sich schnell bewegenden Branche ist das rechtzeitige Erkennen und Adaptieren von Trends essentiell. Schnelle flexible Projekte sind hier das Mittel der Wahl, um mit dem Unternehmen am Puls der Zeit zu bleiben. Dazu gehört auch, das bestehende Portfolio regelmäßig auf Aktualität zu prüfen.

  • Etablierung der Datenhoheit

Auf der einen Seite ist der Schutz des geistigen Eigentums das offensichtlichste Werkzeug, um einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz zu erhalten. Auf der anderen Seite darf auch die Menge und Relevanz der gesammelten Daten nicht unterschätzt werden. Die Datenquellen auf möglichst viele Kunden-Kontaktpunkte zu verteilen ist dabei genauso sinnvoll wie das regelmäßige Prüfen der gesammelten Daten auf Relevanz und Notwendigkeit.

  • Umsetzung einer Strategie für maximale Marktakzeptanz

Um innovative Technologien und Produkte auf den Markt zu bringen muss bei der Zielgruppe das Bewusstsein für deren Notwendigkeit geschaffen werden. Dies erfordert zum Einen Aufklärungs- und Marketing-Arbeit, zum Anderen wirtschaftliche Anreize, um eventuelle Hürden zur Einführung dieser Technologien zu überwinden.

Perspektiven

Ab 2025 zeichnet Roland Berger ein Zukunftsbild von den Aufgaben der Logistik, in dem die Sendungen der Kunden sich den optimalen Frachtweg selbst suchen. Dabei werden sie von den oben diskutierten FreightTech Komponenten geleitet. Traditionelle Spediteure werden angehalten sich schon jetzt neu auszurichten und zu investieren, um in der kommenden Veränderung des Marktes nicht abgehängt zu werden.