Schuldscheindarlehen – die neue Trend-Finanzierung

„Die nachhaltige Finanzierung ist Teil unseres Unternehmenserfolges. Neben der klassischen Fremdfinanzierung über Annuitätendarlehen stellen die flexibel einsetzbaren Schuldscheindarlehen für die VIB eine weitere Komponente für einen ausgewogenen Finanzierungsmix dar.“ Das sagte Holger Pilgenröther, Finanzvorstand der VIB Vermögen AG, einer auf den Erwerb, Entwicklung und Bestandshaltung von Gewerbeimmobilien spezialisierten Gesellschaft, nach der Begebung eines 70 Millionen Euro schweren Schuldscheindarlehens im Herbst 2016.
Im konkreten Fall der VIB Vermögen AG belief sich die erste Tranche auf 57 Millionen Euro mit einer Laufzeit von zehn Jahren und einer Verzinsung von 1,27 Prozent. Die zweite Schuldschein-Tranche hatte ein Volumen von 13 Millionen Euro mit einer Laufzeit von sieben Jahren und einer Verzinsung von 0,7 Prozent.
Mit dem Erlös sollten laut VIB bereits initiierte aber auch geplante Projekte des Unternehmens finanziert werden.

Immer mehr Unternehmen richten ihr Augenmerk auf Alternativen zum klassischen Bankkredit, wenn es darum geht, den eigenen Finanzierungsbedarf zu decken. Dabei stehen unterschiedliche Finanzierungsinstrumente zur Verfügung, um so neben dem eigentlichen Finanzierungsziel auch die Abhängigkeit gegenüber einer einzelnen Kapitalquelle zu vermindern.
Aktuell bedienen sich Unternehmen, darunter auch vermehrt kleine und mittlere Unternehmen (KMUs), zunehmend dem Finanzierungsinstrument „Schuldscheindarlehen“. Der seit 2013 anhaltende Boom des Schuldscheindarlehensmarkts hat sich nach Angaben der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) in 2016 fortgesetzt. Sowohl das Gesamtvolumen von rund 27 Milliarden Euro als auch die Anzahl von 122 begebenen Schuldscheindarlehen im letzten Jahr seien neue Rekordstände. Aber warum sind Schuldscheindarlehen derzeit so sexy für Unternehmen?

Weniger Kosten und geringerer Aufwand

Schuldscheine wurden von Unternehmen schon im 19. Jahrhundert zur Finanzierung genutzt. In Deutschland unterliegen sie dem deutschen Wertpapierrecht. Speziell für kleine und mittlere Unternehmen können sie ein äußerst lukratives Instrument sein, wenn es darum geht, zu expandieren (bspw. ins Ausland) oder neue Anschaffungen (Maschinenpark) zu tätigen.

Merke: Schuldscheindarlehen sind Kredite, die meist nur bei einem begrenzten Anlegerkreis platziert werden. Sie können sowohl variabel- als auch festverzinslich strukturiert werden, in der Regel sind dabei nur Tranchen mit variablen Zinsen vor der Fälligkeit kündbar. Die Finanzierungsvolumen starten bei zehn Millionen Euro, liegen aber manchmal sogar schon darunter. Die Laufzeiten der Darlehen variieren.

Die Kosten eines Schuldscheindarlehens liegen für einen Emittenten zwischen 0,2 und 0,6 Prozent des Darlehensvolumens und sind damit vergleichsweise gering. Die Vorbereitung ist deutlich weniger aufwendig als bei einem Bankkredit oder etwa bei der Platzierung einer Anleihe, da Dokumentationspflichten, Prospekte, Ratings oder das Listing an der Börse entfallen. Zudem ist die Besicherung eines Schuldscheins unüblich. Dagegen sind die an den Darlehensgeber zu zahlenden Zinsen durchschnittlich etwas höher als am Kapitalmarkt.

„Flexible“ Finanzierung

Schuldscheindarlehen erlauben darüber hinaus individuelle Absprachen zwischen Kreditnehmer und Kreditgeber. Anders als bei klassischen Bankdarlehen müssen keine Sicherheiten hinterlegt werden, was den Finanzierungsspielraum für ein Unternehmen flexibler und größer werden lässt – auch weil Vermögenswerte in der Unternehmensbilanz „frei“ bleiben, um als Sicherheiten für andere Finanzierungsformen zu dienen. Selbstverständlich sollten Bonität, operative Ertragskraft und Cashflow der Emittentin „passen“, um überhaupt attraktiv für potenzielle Investoren zu sein.

Investorensuche

Unternehmen bzw. Darlehensnehmer müssen sich nämlich meist initiativ Investoren suchen, die nach zuvor festgelegten Bedingungen als Darlehensgeber fungieren. Häufig sind dann mehrere Investoren an einem Schuldscheindarlehen beteiligt. Die Schuldscheine können weiterhin nur im Wege der Abtretung von einem Gläubiger auf einen anderen übertragen werden. Da ein organisierter Handel für sie nicht besteht, werden sie zumeist „over the counter” (außerbörslich) zwischen wenigen Marktteilnehmern gehandelt.

Niedrigzinsen

Am Markt sind die aktivsten Investoren für Schuldscheine Pensionskassen, Versicherungen, sowie Geschäfts-/Landesbanken und Sparkassen. Der Grund ist eindeutig: die genannten Instanzen suchen aufgrund der anhaltenden Niedrigzinsen an den klassischen Anlagemärkten nach ertragreichen Alternativen.
So konnten unter anderem in diesem Jahr bereits die beiden KMUs SNP Schneider-Neureither & Partner AG (Softwarebranche) und der Modeproduzent ETERNA Schuldscheine in kleineren Volumen (40 bzw. 33 Millionen Euro) platzieren. In beiden Fällen diente der Schuldschein im Übrigen nicht unmittelbar der Expansion, sondern in erster Linie der Refinanzierung einer Anleihe.