Niedrigzinsumfeld – warum Unternehmen die Chance nicht nutzen?!

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat sie wieder nicht angetastet - die Leitzinsen! Der Leitzins bleibt auch im März 2017 bei 0,0 Prozent. Auf diesem Rekordtief liegt er bereits seit einem Jahr. Als Folge der sukzessiven Leitzinssenkungen in den vergangenen Jahren sind Kredite für Unternehmen in Deutschland so günstig wie nie. Die EZB erhofft sich dadurch fortschreitende Konjunkturimpulse, um die Wirtschaft im Euro-Raum zu beleben. Denn für Unternehmen sollen die extrem niedrigen Zinsen ein Anreiz sein, um mehr (Bank-)Kredite aufzunehmen und Investitionen zu tätigen - so zumindest die Theorie.

MERKE: Das Zinsniveau einer Währungszone ist politisch bestimmt. Das von der EZB durch ihre Zinspolitik auferlegte Niedrigzinsumfeld soll die Banken dazu bringen, Kredite billig an Unternehmen weiterzugeben, damit diese zusätzliche Investitionen tätigen und die Konjunktur ankurbeln.

Zurückhaltung bei Investitionen

Doch in der Praxis sieht das wie so oft anders aus. Nach wie vor nutzen gerade kleine und mittlere Unternehmen diese sich bietende Chance kaum. "Das Zinsgeschenk der EZB wird vom Mittelstand in Deutschland nur teilweise genutzt", sagt Finanzberater Prof. Dr. Hendrik Wolff von der Wolff & Häcker Finanzconsulting AG. Dafür gibt es mehrere Erklärungsversuche. Viele Unternehmen in Deutschland sind beispielsweise so gut aufgestellt, dass sie ihre wenigen Investitionen zu großen Teilen ohne Bankfinanzierung stemmen können und greifen hier auf Eigenkapital zurück. Dieses einzusetzen ist bekanntlich sehr teuer. Zudem besteht nach Angaben der Kreditinstitute in weiten Teilen der Euro-Zone und insbesondere in Deutschland kein Engpass beim Kreditangebot, sondern eher bei der Nachfrage. Auch die geopolitische Lage oder weltpolitische Ereignisse (BREXIT, Trump, etc. ) sorgen bei Unternehmen weiterhin für Unsicherheiten und für eine Hemmung bei Investitionen.

Schlechte Erfahrungen aus der Finanzkrise verstärken zudem das zurückhaltende Verhalten von Unternehmern. Viele Mittelständler hatten vor 2009 stark investiert, konnten ihre Maschinen und Anlagen aber während und nach der Krise nicht auslasten.). Weitere Gründe für die Investitions-Scheu in deutschen Unternehmen sind in dem nachweislichen Mangel an Fachkräften, den schwankenden Energie- und Rohstoffpreise sowie einem insgesamt weiterhin unsicherem wirtschaftlichen Umfeld zu sehen.

Voraussetzungen für Wachstum gegeben

Dass Unternehmen zögern, Geld für Investitionen in die Hand zu nehmen, ist also durch einen Mix aus sehr unterschiedlichen Faktoren bedingt - und daher auch nicht so einfach zu lösen. Gerade kleine und mittlere Unternehmen könnten jedoch durch das derzeit günstige Zinsniveau ihren Bedarf an Fremdkapital langfristig sichern. Die Voraussetzungen, um neue Absatzmärkte zu erschließen und in Wachstum zu investieren, sind aktuell gegeben. Das kann sich aber auch zeitnah wieder ändern. Daran sollten Unternehmer tunlichst denken, sofern sie weiteres Wachstum in ihrer mittelfristigen Strategie anstreben.
Um es noch einmal zu verdeutlichen: das aktuelle Niedrigzinsumfeld bietet Unternehmen viele Möglichkeiten. So können sie ihre Finanzierungskosten langfristig zu attraktiven Konditionen sichern oder strategische Maßnahmen umsetzen, die im aktuellen (Risiko-) Umfeld möglich sind. Darüber hinaus bleibt stets zu beachten, dass Anleger nach lukrativen Investitionen zu suchen und immer häufiger in Unternehmen investieren. Wenn das professionell und strukturiert aufgezogen wird, können beide Seiten davon profitieren - eine klassische Win/Win-Situation.