“Kooperationen zwischen Fintech- und Leasing-Unternehmen bieten hervorragende Chancen” - Interview mit Dr. Matthias Pytlik

Der Leasing-Sektor in Deutschland boomt. Seit Jahren wächst das via Leasing finanzierte Investitionsvolumen, allein im Jahr 2017 um 6%. Kurz gesagt: In der Branche herrscht Optimismus, was auch die Ende Februar veröffentlichten Jahreszahlen 2017 bestätigen. Jedoch befindet sich, getrieben durch die Digitalisierung, auch die Leasing-Wirtschaft in einem Transformationsprozess. Im Gespräch mit Dr. Matthias Pytlik, Referatsleiter Betriebswirtschaft und Finanzierung beim Bundesverband Deutscher Leasing-Unternehmen (BDL), wollen wir beleuchten, wie stark die Thematik Digitalisierung die Branche bisher durchdrungen hat und welche Rolle neue Spieler wie Fintech-Unternehmen in der Wertschöpfungskette einnehmen.


FinCompare: Die Geschäftsaussichten in der Leasingbranche sind positiv. Warum ist Leasing in der deutschen Wirtschaft als Finanzierungsform so beliebt? Und wie stark tragen digitale Geschäftsmodelle bereits zum Wachstum der Branche bei?

Dr. Matthias Pytlik: Im vergangenen Jahr nahm das Neugeschäft der Leasing-Branche noch einmal deutlich zu und hat mit rund 67 Mrd. ein neues Rekordvolumen erreicht. Die gute Entwicklung ist zum Teil sicher auf das robuste wirtschaftliche Umfeld zurückzuführen. Der Anstieg der Leasingquote auf fast 25 Prozent und der Anstieg des Leasinganteils an den außenfinanzierten Investitionen auf über 50 Prozent zeigen aber, dass sich die Leasing-Branche sogar deutlich besser als der Markt entwickeln konnte.

Der Grund dafür ist einfach: Leasing ist für viele Kunden attraktiver als andere Finanzierungs- und Investitionsformen. Dabei kommt der Digitalisierung eine wachsende Bedeutung zu. Es gelingt dadurch, noch näher am Kunden zu sein, schneller auf Kundenbedürfnisse reagieren zu können und ein besseres „Gesamtpaket“ schnüren zu können. Oft ist es nicht das Grundgeschäft allein mit dem Leasing-Unternehmen ihre Kunden gewinnen, sondern ergänzende Services, die den Nutzen für den Kunden steigern. Hier eröffnen sich zusätzliche Chancen, die mit Leasing gut umgesetzt werden können.

FinCompare: Das Wort Digitalisierung ist in aller Munde. Doch oftmals ist nicht klar, wie die technologische Anpassungen in Unternehmen konkret aussehen. Können Sie anhand anschaulicher Beispiele darstellen, in welcher Weise Leasing-Unternehmen Prozesse digitalisieren oder neue, digitale Geschäftsmodelle schaffen?

Dr. Matthias Pytlik: Die Digitalisierung hat zwei Seiten: Unternehmensintern bedeutet es, bestehende Prozesse noch besser, schneller und sicherer zu machen. Die Optimierung der Systeme und Prozesse fordert die Branche und ist mit hohem Einsatz in den IT-Abteilungen verbunden. Der Kunde sieht davon wenig, dennoch ist die kontinuierliche Verbesserung notwendig, um bei steigenden Ansprüchen das bestehende Niveau der Kundenzufriedenheit auch nur zu halten. Es ist zwar eine Binsenweisheit, aber hier gilt besonders, dass Stillstand mit Rückschritt gleichzusetzen ist.

An die Digitalisierung im Außenverhältnis, dort wo das Geschäftsmodell selbst im Wettbewerb steht, sehe ich die Branche gut gerüstet. Der enge Kontakt zum Kunden sowie die ausgeprägte Objekt- und Verwertungskompetenz bilden die DNA der Branche. Hier gibt es vielfältige Ansatzpunkte, bei denen die Digitalisierung es ermöglicht, bessere Angebote zu präsentieren und sich gegenüber anderen Finanzierungsformen wie dem Kredit zu profilieren. Denn viele Objekte liefern heute Daten, die dazu genutzt werden können, ergänzende Services anzubieten. Die Spanne reicht von nutzungsabhängigen Abrechnungsmodellen (pay-per-use) und Wartungs- und Reparaturdiensten, die sich punktgenau nach dem tatsächlichen Verschleiß richten bis zur Einbindung von Fahrzeugen in komplexere Mobilitätsdienste.

FinCompare: Was werden mittel- bis langfristig die tiefgreifendsten Veränderungen in der Leasing-Wirtschaft sein? Welche Rolle werden aus Ihrer Sicht dabei z.B. Plattformanbieter zur Vermittlung von Finanzierungslösungen einnehmen?

Dr. Matthias Pytlik: Die Bedeutung von Plattformen sowie der Zugang zu Ökosystemen und Kooperationen unterschiedlichster Form und Intensität werden zunehmen. Auch hier werden stetig steigende Kundenbedürfnisse der Treiber sein. Egal ob der Kunde Mobilität, Logistik oder flexible Maschinenleistung nachfragt - für Einzelkämpfer wird es schwer, allen Kundenbedürfnissen in konkurrenzfähiger Form gerecht zu werden.

FinCompare: Tech-Giganten wie Amazon (mit amacash) oder Google (Banklizenz seit 2007) werden künftig auch Finanzdienstleistungen anbieten. Mit ihrer Marktmacht und Innovationsfähigkeit bedrohen sie existierende Geschäftsmodelle und Anbieter - vor allem Banken und Versicherungen. Wie beurteilen Vertreter der Leasing-Branche die Entwicklung?

Dr. Matthias Pytlik: Die Marktmacht von „GAFA“ ist wirklich beeindruckend. Aber auf Größe allein kommt es im Leasing nicht an. Entscheidend ist, ob es Leasing-Unternehmen durch ihre spezifischen Kompetenzen gelingt, nachhaltig „einen Zaun um ihr Geschäftsmodell zu ziehen“ und so Wettbewerbsvorteile zu sichern. Vor dem komplexen Leasing-Geschäft mit engem Objektbezug werden die großen Digitalunternehmen tendenziell zurückschrecken. Im standardisierten Mengengeschäft kann es dagegen zu Überschneidungen kommen.

Sicher bietet der Kundenstamm von Amazon ein hohes Wertschöpfungspotenzial für Leasing-Angebote im Geschäft mit Privatkunden. Beim Finanzierungsleasing deutscher Prägung bildet dagegen das Geschäft mit mittelständischen Unternehmen den Schwerpunkt. Hier sehe ich bisher keine vergleichbare Entwicklung, auch wenn sich mit Unternehmen wie z.B. Alibaba bereits auch im B2B Geschäft sehr große Plattformen entwickeln konnten.

FinCompare: Sehen Sie eine gleichberechtigte Kooperation zwischen Leasinggesellschaften und Fintech-Unternehmen als eine Lösung an, von der beide Seiten künftig stärker profitieren werden?

Dr. Matthias Pytlik: Kooperationen zwischen Fintech- und Leasing-Unternehmen bieten hervorragende Chancen auf komparative Vorteile für beide Seiten: Leasing-Unternehmen bieten den Kontakt zum Kunden und verfügen über fundierte Kenntnisse der Objekte. Fintechs liefern das notwendige technische Know-how, um die Geschäftsmodelle zu digitalisieren und weiterzuentwickeln.

FinCompare: Inwieweit engagiert sich der BDL als Verband der “Leasingindustrie” im Bereich der Digitalisierungsförderung. Gibt es beispielsweise Veranstaltungen, die junge und etablierte Unternehmen der Branche zusammenführen?

Dr. Matthias Pytlik: Der BDL hat nie den Kreis um Leasing-Unternehmen geschlossen sondern steht anderen Unternehmen für Kooperationen und zum Informationsaustausch immer offen. Voraussetzung ist das Interesse an der Branche, um zum gegenseitigen Vorteil zusammenarbeiten zu können. Oft treten Unternehmen mit ihren Ideen an uns heran. Umgekehrt beobachten wir aber auch den Markt und versuchen dort, wo wir interessante Ansätze sehen, den Kontakt herzustellen. Dafür bieten wir vom bilateralen Gespräch bis zur „großen Bühne“ unterschiedliche Formate an. Ein Beispiel ist das Forum Digitalisierung, dass erneut im Herbst 2018 in Berlin stattfinden wird. Ich gehe davon aus, dass wir uns treffen!