EU-Mercosur-Abkommen: Chancen für den Mittelstand

EU-Mercosur-Abkommen

Das Kürzel Mercosur leitet sich gleichermaßen aus der spanischen Bezeichnung „Mercado Común del Sur“ und der portugiesischen Bezeichnung „Mercado Comun do Sul“ ab. Dabei handelt es sich um eine wirtschaftliche Vereinigung von Staaten aus Südamerika. Sie wurde im März 1991 mit der Ratifizierung des Vertrags von Asunción ins Leben gerufen. Das Hauptziel der in Mercosur vereinigten Staaten ist die Forcierung der wirtschaftlichen Entwicklung durch eine Verbesserung der internationalen Zusammenarbeit. In diesem Beitrag erfahren Sie alles zum EU-Mercosur-Abkommen und welche Chancen mittelständischen Unternehmen dadurch geboten werden!

Welche Staaten gehören dem Bündnis Mercosur an?

Die Vollmitglieder von Mercosur sind Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay. Venezuela hatte ab 2012 den Status eines Vollmitglieds, wurde allerdings mit einem Beschluss aus dem Jahr 2016 ab dem Jahr 2017 ausgeschlossen. Die Gründe für die dauerhafte Suspendierung Venezuelas waren Verstöße gegen die Grundprinzipien der Demokratie, die zu den Bedingungen einer Mercosur-Mitgliedschaft gehören. Zahlreiche weitere Staaten bemühen sich seit einiger Zeit um eine Mitgliedschaft. Dazu zählen:

  • Chile
  • Bolivien
  • Ecuador
  • Guyana
  • Kolumbien
  • Peru
  • Suriname
chile als teil der mercosur staaten

Neuseeland und Mexiko beobachten die Aktivitäten des südamerikanischen Wirtschaftsbündnisses. Nachdem die EU mit Mercosur gerade eben die Einrichtung der größten Freihandelszone der Welt ausgehandelt hat, ist zeitnah mit Beitrittsbemühungen beider Länder zu rechnen.

Welche Potenziale bieten die Mercosur-Staaten für die EU?

Das wird bei einem Blick auf die Einwohnerzahlen der zu Mercosur gehörenden Länder deutlich. Allein die vier aktiven Mitgliedsstaaten Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay bringen es zusammen auf mehr als 260 Millionen Einwohner. Werden alle sieben der derzeit als assoziiert behandelten Länder in das Wirtschaftsbündnis aufgenommen, steigt die Zahl der durch Mercosur zugänglichen potentiellen Neukunden mindestens um weitere 120 Millionen. Sollten sich Mexiko und Neuseeland zu einem Beitritt entschließen, kämen noch einmal rund 130 Millionen Menschen hinzu. Aber auch ohne Neuseeland und Mexiko bietet das südamerikanische Wirtschaftsbündnis fast schon das gleiche Kundenpotential wie die gesamte Europäische Union, die es aktuell auf etwa 512 Millionen Einwohner bringt. Nach dem Brexit im Herbst 2019 fallen allerdings in der EU mehr als 66 Millionen Einwohner weg. Das heißt, nach dem Ausstieg Großbritanniens bietet Mercosur, einschließlich der über einen Beitritt verhandelnden Staaten sogar ein größeres Kundenpotential als die Europäische Union.

Das Freihandelsabkommen EU – Mercosur ist der größte Clou aller Zeiten

Mit dem gerade eben beschlossenen Abkommen zwischen der EU und Mercosur entsteht die größte Freihandelszone der Welt. Nach dem Brexit können insgesamt mehr als 800 Millionen Menschen (380 Millionen Mercosur plus 450 Millionen EU) davon profitieren. Dafür haben sich die über zwei Jahrzehnte hinweg andauernden Verhandlungen zwischen der Europäischen Union und dem südamerikanischen Wirtschaftsbündnis auf jeden Fall gelohnt. Auch die Prognosen zum Umfang der auszutauschenden Produkte und Dienstleistungen weisen gigantische Dimensionen auf. Analysten rechnen mit einem Transfer mit einem Wert von bis zu 45 Milliarden Euro pro Jahr von Europa nach Südamerika. In umgekehrter Richtung belaufen sich die Hochrechnungen auf einen Transferwert von etwa 42 Milliarden Euro. Allein schon das zeigt, welche gewaltigen Möglichkeiten das Freihandelsabkommen den Unternehmen in Europa und Südamerika eröffnet. Sie blieben den Unternehmen bisher durch die hohen Zölle versperrt.

Welche Branchen profitieren in Europa vom Mercosur-Abkommen?

Europäische Unternehmen haben den Vorteil, dass es sich bei den Mercosur-Staaten fast durchweg um Entwicklungs- und Schwellenländer handelt. Dort weisen die lokalen Wirtschaftsstrukturen in einigen Branchen erhebliche Lücken auf. Das zeigt sich am Beispiel des einwohnerstärksten Mercosur-Staats Brasilien. Die Industrie macht dort weniger als ein Fünftel des gesamten Bruttoninlandsprodukts aus. Zwei Drittel des Bruttoinlandsprodukts entfallen auf den Dienstleistungsbereich, wobei die Tourismuswirtschaft die bedeutendste Rolle spielt. Der Maschinenbau ist in Brasilien so gut wie gar nicht vertreten. Das heißt, europäische Maschinenbauer können mit ihren Produkten eine dort vorhandene Marktlücke schließen.

Brasilien könnte durch das Freihandelsabkommen zum Rettungsanker für die durch den Dieselskandal angeschlagene Automobilindustrie werden. Einige deutsche Autobauer sind ohnehin schon in Brasilien aktiv. Dazu gehören beispielsweise VW, BMW und Daimler. Sie können von ihren dortigen Werken nicht mehr nur den regionalen Markt versorgen. Durch die entfallenden Zölle wird auch der Verkauf der dort hergestellten Fahrzeuge in der Europäischen Union deutlich lukrativer.

Freihandelszone EU-Mercosur bietet Vorteile für weitere Branchen

Die europäische Stahlindustrie gehört ebenfalls zu den Branchen, die vom Freihandelsabkommen EU – Mercosur kräftig profitieren. In Brasilien ist mit der Vale S.A. der größte Eisenerzförderer der Welt ansässig. Die Vale S.A. liefert rund 35 Prozent des weltweit gehandelten Eisenerzes. Hinzu kommt, dass das Unternehmen für die Kunden gute Preise bieten kann. Dafür sorgen die in Brasilien niedrigen Lohnkosten und Steuern. Das Handelsabkommen sorgt dafür, dass Eisenerz aus Brasilien künftig zu noch günstigeren Preisen eingekauft werden kann. Die Verbilligung der Materialeinkäufe verschafft der europäischen Stahlindustrie einen erheblichen Wettbewerbsvorteil. Dieser Pluspunkt wirkt sich parallel bei der Elektronikindustrie in Europa aus. Der Grund ist, dass sich die brasilianische Vale S.A. auch zu den größten Förderern von Kupfer, Platin und Gold zählt.

Chemieindustrie profitiert von Rohstoffreserven in Mercosur-Staaten

Verbesserungen der Wettbewerbsfähigkeit bringt das Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und dem Mercosur-Bündnis außerdem für die chemische Industrie mit. Brasilien landet bei den bedeutendsten Erdölförderländern auf dem 10. Platz. Die Fördermenge pro Jahr liegt bei mehr als 130 Millionen Tonnen Rohöl. Schließt sich Mexiko dem Wirtschaftsbündnis an, kämen noch einmal rund 120 Millionen Tonnen Rohöl pro Jahr hinzu. Auch die in Kolumbien und Ecuador anfallenden Fördermengen sind nicht zu verachten. Durch die entfallenden Ein- und Ausfuhrzölle beim Bezug von Erdöl aus den genannten Ländern reduzieren sich auch in der chemischen Industrie die Materialkosten erheblich. Schlägt das auf die Produktpreise durch, wird die europäische Chemieindustrie insgesamt wettbewerbsfähiger.

Mercosur-EU-Abkommen beseitigt kritische Abhängigkeiten beim Erdöl

Zudem wäre vor allem Deutschland beim Bezug von Erdöl nicht länger von kritischen Quellen abhängig. Mehr als 13 Millionen Tonnen Rohöl bezieht die Bundesrepublik aktuell aus Krisengebieten wie Algerien, Libyen, Nigeria, Ägypten und dem Irak. Auch die politische Lage im Aserbaidschan, in Kasachstan und Russland kann jederzeit kippen. Von dort stammen rund 50 Millionen Tonnen des in Deutschland verbrauchten Erdöls. Lediglich die rund 11 Millionen Tonnen aus Norwegen sind eine dauerhaft zuverlässige Quelle. Zusätzlich stammen rund 9 Millionen Tonnen Erdöl pro Jahr aus Großbritannien. Dort ist von einer erheblichen Verteuerung nach dem Brexit im Herbst 2019 auszugehen. Das heißt, die Ölförderer in den Mercosur-Staaten sind für Europa ein signifikantes Plus bei der zukünftigen Sicherung der Erdölversorgung.

Für welche Branchen könnte das EU-Mercosur-Abkommen der EU kritisch werden?

Vor allem die Landwirtschaft in der Europäischen Union bekommt sehr ernst zu nehmende Konkurrenz. Die Landwirtschaft spielt in allen Mercosur-Staaten eine wichtige Rolle. Landwirte in Europa müssen sich auf einen verstärkten Preisdruck einstellen. Der Grund dafür ist das geringe Lohnniveau in den Ländern in Südamerika. Dadurch fallen die Kosten für die Herstellung von Obst und Gemüse deutlich niedriger aus. Die Konsequenz ist, dass sie ihre Produkte deutlich günstiger anbieten können. Durch das soeben abgeschlossene EU-Mercosur-Freihandelsabkommen fallen nun auch noch die Ein- und Ausfuhrzölle weg, von denen die Preise für Obst, Gemüse und Getreide aus Südamerika künstlich in die Höhe getrieben wurden. Letztlich profitieren die Endverbraucher auf Kosten der europäischen Landwirte von der größten Freihandelszone der Welt.

Freihandelszone EU-Mercosur ist für viele Landwirte existenzbedrohlich

Dieser Fakten sind für die Landwirte in Europa aktuell gleich doppelt brisant. In vielen europäischen Ländern gab es durch den Dürresommer 2018 massive Ernteausfälle. Sie haben viele landwirtschaftliche Betriebe trotz der staatlichen Unterstützung in wirtschaftliche Schieflage gebracht. Für das Jahr 2019 deuten sich durch die anhaltende Trockenheit ähnlich massive Ernteausfälle an. Müssen sich die Landwirte nun einem zusätzlichen Preisdruck durch die verbilligten Importe aus Südamerika stellen, könnte das vor allem für viele Kleinbetriebe das wirtschaftliche Aus bedeuten. Aber das Mercosur-EU-Abkommen hat durchaus einen Vorteil. Die Lebensmittelversorgung in Europa wird dadurch unabhängiger von der Entwicklung der sommerlichen Großwetterlage. Ernteausfälle können preisgünstig durch Importe kompensiert werden.

Das Freihandelsabkommen birgt unüberschaubare Gefahren

Leider hat das EU-Mercosur-Abkommen eine bittere Kehrseite. Während sich die Europäische Union immer stärker für den Umwelt- und Klimaschutz engagiert, spielen beide Aspekte in den Mercosur-Staaten kaum eine Rolle. Wie leger damit umgegangen wird, zeigen die Folgen der Brüche von Staudämmen, die zu den Eisenerzminen in Brasilien gehören. Von den austretenden Schlammlawinen wurden ganze Landstriche mit Schadstoffen verseucht. Nach der Reparatur der Staudämme gingen die verursachenden Unternehmen sehr schnell zum Tagesgeschäft über. Die Geschädigten erhielten bis heute so gut wie keine Unterstützung. Viele der Schadstoffe wurden bis in den Atlantik getragen, weil die Behörden nicht schnell genug reagierten. Wenn die Förderbetriebe ihre Kapazitäten erhöhen, um mehr Eisenerz nach Europa zu exportieren, steigt das Risiko solcher Umweltkatastrophen immens.

Welche Risiken lauern durch die Freihandelszone noch?

Das EU-Mercosur-Freihandelsabkommen dürfte ein schnelles Wachstum der Landwirtschaft in den südamerikanischen Staaten bewirken. Dabei besteht die Gefahr, das größere Regenwälder der Vergrößerung der Anbauflächen zum Opfer fallen. Das wäre eine Katastrophe für das globale Klima. Die Regenwälder sind als ausgleichende Faktoren für das Klima unverzichtbar. Brasilien besitzt im Südosten des Landes beispielsweise die größten Lorbeer-Regenwälder der Welt. Der Norden des Landes ist von tropischem Regenwald geprägt. Von diesen Flächen gehen schon seit zwei Jahrzehnten mehr als 30.000 Quadratkilometer pro Jahr verloren. In Kolumbien und Peru ist das Ausmaß der Vernichtung der Regenwälder mit 0,1 Prozent pro Jahr glücklicherweise noch nicht ganz so dramatisch.

Umgang mit Pestiziden ist ein weiteres Problem

Pestizide stellen nicht nur eine Gefahr für die Bestände bei nützlichen Insekten dar, die bei der Befruchtung von Blüten unverzichtbar sind. Zahlreiche Pestizide schaden auch der Gesundheit der Menschen, welche die Früchte der damit behandelten Pflanzen verzehren. In Europa ist der Umgang mit Pestiziden streng reglementiert. Alle neu eingesetzten Stoffe müssen vor der Markteinführung umfangreiche Tests zur gesundheitlichen und ökologischen Verträglichkeit durchlaufen. In den meisten südamerikanischen Staaten gibt es keine damit vergleichbaren Regelungen. An dieser Stelle sind die Importeure gefragt. Sie müssen mit ihren Lieferanten in den Mercosur-Staaten individuelle Regelungen vereinbaren, die ein Verbot des Einsatzes bedenklicher Pestizide bei den liefernden Landwirtschaftsbetrieben enthalten.

Fazit: EU-Mercosur-Abkommen ist „Fluch und Segen“ zugleich

Es gibt eine ganze Reihe von Unternehmen, die schnell auf die veränderte Situation reagieren müssen. Wer die Vorteile des EU-Mercosur-Abkommens für die chemische Industrie, die Metallindustrie und den Maschinenbau als „Segen“ nutzen will, sollte sich schnellstens Kooperationspartner in Südamerika suchen. Auch Investitionen in eigene Niederlassungen in südamerikanischen Staaten sind durch die Einrichtung der größten Freihandelszone der Welt durchaus lohnenswert. Allerdings gibt es an dieser Stelle einen Haken, denn durch Basel II und Basel III wurde vor allem mittelständischen Unternehmen der Zugang zu Bankkrediten erschwert. Bei ihnen ist besondere Eile geboten, weil alternative Finanzierungen beispielsweise über KMU-Anleihen oder Crowd-Funding einen erheblichen zeitlichen Vorlauf benötigen.

Die europäische Landwirtschaft trifft der „Fluch“ des Freihandelsabkommens zwischen der EU und den Mercosur-Staaten. Sie müssen sich auf andere Art auf die zu erwartenden Veränderungen einstellen. Zu den Notwendigkeiten gehört die Aufstockung der vorhandenen Geldreserven, um die durch Dürrephasen verursachten Ernteausfälle finanziell abfangen zu können. Außerdem spielt die Automatisierung zahlreicher Prozesse zur Senkung der Kosten eine wichtige Rolle. Leider fehlen in Deutschland beispielsweise schnelle Mobilfunknetze, die autonom fahrende Pflüge und Erntemaschinen möglich machen würden. Das heißt, hier ist die Bundesregierung gefordert. Sie muss die Voraussetzungen dafür schaffen, dass die deutsche Landwirtschaft nicht durch das Mercosur-Abkommen ins Aus gekickt wird.

EU-Mercosur-Abkommen muss mit weiteren Abkommen ergänzt werden

Die Europäische Union darf sich auf den nach zwei Jahrzehnten zäher Verhandlungen erzielten Vereinbarungen nicht ausruhen. Das Freihandelsabkommen macht nur dann wirklich Sinn, wenn ihm ein Vertrag über die Einhaltung von Umweltschutz- und Klimaschutzmaßnahmen in den Mercosur-Staaten folgt. Anderenfalls feuert das Abkommen die globale Erwärmung kräftig an. Auch darf es nicht dazu führen, dass aufgrund der billigeren Einkaufspreise der Erdölverbrauch in Europa drastisch ansteigt. Das wäre ebenfalls eine Katastrophe für das globale Klima. Auf der anderen Seite hat die Europäische Kommission mit dem Mercosur-Abkommen für eine verbesserte Sicherheit gesorgt. Das gilt sowohl für die Erdölversorgung als auch die Versorgung der europäischen Verbraucher mit Lebensmitteln. Doch diese Erhöhung der Sicherheit darf nicht zu Lasten der Umwelt und des Klimas gehen. Die besten Freihandelsabkommen nützen nichts, wenn die Bedingungen auf der Erde nicht mehr lebenswert oder gar lebensgefährlich sind.