Digitalisierung im Baugewerbe: Zahlen, Fakten und Tipps

„Das Internet ist Neuland“ sagt der Volksmund frei nach der amtierenden Bundeskanzlerin. Das bleibt es aber nicht! Wer nicht hinterher-hinken möchte, sollte jetzt handeln!

Digitalisierung

Deutschland hat bei der Nutzung digitaler Technologien noch erheblichen Nachholbedarf. Das gilt für die Digitalisierung im Baugewerbe genauso wie in zahlreichen anderen Branchen. Die Gründe dafür sind vielfältiger Natur. Sie reichen von einem bisher mangelhaften Ausbau der Breitbandnetze und setzt sich bis hin zu Sicherheitsbedenken fort. Dabei bietet die digitale Technik samt der dazugehörigen Software eine ganze Reihe von Vorteilen, auf die Unternehmen allein mit Blick auf die Wettbewerbsfähigkeit nicht verzichten sollten.

Wie ist der aktuelle Stand der Digitalisierung im Baugewerbe?

Eine aussagekräftige Branchenstudie liegt leider nicht vor. Allerdings zeigt eine branchenübergreifende Befragung des Bundesverbands Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e. V. (kurz Bitkom) insgesamt gravierende Lücken. Vor allem kleine und mittelständische Unternehmen sind davon betroffen. Fünf Prozent aller befragten Unternehmen mit bis zu hundert Beschäftigten gaben an, den Trend zur Einführung digitaler Technologien verpasst zu haben. Zwischen 58 und 60 Prozent der Unternehmen halten sich für Nachzügler. Die meisten Handwerksbetriebe und Baufirmen haben weniger als hundert Beschäftigte. Das lässt nur den Schluss zu, dass die Digitalisierung im Baugewerbe noch nicht sehr weit fortgeschritten ist.

Was hemmt die Digitalisierung in der Bauwirtschaft?

Einerseits scheuen viele Handwerksbetriebe die damit verbundenen Investitionen. Zusätzlich gehören Handwerker zu den Berufsgruppen, welche die Büroarbeit als lästigen Zwang betrachten. Sie widmen sich lieber der praktischen Arbeit. Dabei verkennen sie, dass sich gerade die ungeliebten administrativen Tätigkeiten durch die Digitalisierung im Baugewerbe erheblich vereinfachen lassen. Beispiele dafür sind ausgereifte Programme zur Bearbeitung von Ausschreibungen sowie die für Steuer- und Lohnbuchhaltung.  Auch für die Baudokumentation stehen intelligente Computerprogramme zur Verfügung.

Welche Rolle spielt die Datenschutzgrundverordnung?

Die EU-Verordnung 2016/679 wurde im Jahr 2016 beschlossen und trat im Mai 2018 in Kraft. Die auch Datenschutz-Grundverordnung (oder kurz DSGVO) genannten Regelungen führten zu einer massiven Verunsicherung. Das betrifft vor allem die im Artikel 5 benannten Grundsätze, die bei der Verarbeitung personenbezogener Daten beachtet werden müssen. Die Digitalisierung im Baugewerbe bewirkt die Verarbeitung verschiedener personenbezogener Daten. Die Palette reicht von den Mitarbeiterdaten bei der Lohnbuchhaltung bis hin zu den Kundendaten bei der digitalen Erstellung von Angeboten und Rechnungen. Viele Handwerksbetriebe sind der Meinung, dass sich dadurch die Kosten für den Betrieb digitaler Systeme deutlich erhöhen. Das ist zwar tatsächlich der Fall, aber allein schon die Zeitersparnis kompensiert die Mehrkosten.

Auf welche Bereiche erstreckt sich die Digitalisierung im Baugewerbe?

Im Baugewerbe ist eine sehr komplexe Digitalisierung möglich. Sie bringt nicht nur eine Zeitersparnis, sondern kann auch Abläufe optimieren und den Kundenservice verbessern. Welches Potenzial in der Baubranche auf eine Erschließung wartet, zeigen folgende Beispiele:

  • Vereinfachung der Lohnbuchhaltung

  • Verbesserung der Personalplanung

  • Zentralisierung der Materialwirtschaft

  • Optimierung des Bauablaufs

  • Visualisierung von Projekten

  • Reduzierung des Aufwands bei der Baudokumentation

  • Kosten- und Zeitersparnis beim Kundenmanagement

Dazu kommen zahlreiche andere Möglichkeiten des Einsatzes digitaler Technologien. Eine große Rolle bei der Digitalisierung der Bauwirtschaft spielen Geräte, die über Mobilfunkstandards Kontakt zum Internet oder hauseigenen Servern aufnehmen können.

Welches Potenzial bietet BIM?

Das Kürzel BIM leitet sich vom englischen Begriff „Building Information Modeling“ ab. Dabei geht es um die Erfassung und Verwaltung aller Daten, die zu einem Bauwerk in der Planungsphase anfallen. Das beginnt bereits bei der Arbeit der Architekten. Statt der klassischen CAD-Zeichnungen erstellen sie mit BIM-Programmen dreidimensionale Objektmodelle. Alle Änderungen können sie direkt an diesen Modellen vornehmen. Sie werden für alle an der Vorbereitung des Bauprojekts beteiligen Fachleute und Firmen direkt nach der Speicherung sichtbar. BIM nutzt spezielle Datenbanken für die Errechnung des Materialbedarfs. Das heißt, es muss niemand mehr manuell beispielsweise die Anzahl der Treppenstufen oder Türen in einem Bauprojekt zählen zur zusammenrechnen. Änderungen am Modell wirken sich in Echtzeit auch auf die Materialbedarfslisten aus.

Welche weiteren Vorteile bieten BIM-Programme?

Bei der BIM-Software zeigen sich zahlreiche Pluspunkte der Digitalisierung im Baugewerbe. Damit müssen vom Architekten vorgenommene Änderungen nicht manuell mit neu ausgedruckten Bauzeichnungen verteilt werden. Das reduziert die Druckkosten und den Zeitaufwand für die Bekanntmachung der Änderungen. Alle an der

Baugewerbe

Projektierung und Planung Beteiligten greifen auf eine zentrale Datenbank zu. Dadurch werden die Risiken vermieden, welche durch Übertragungsfehler entstehen. Außerdem entfallen Verzögerungen, die bei der Bauvorbereitung durch die Notwendigkeit neuer Zeichnungen und manuelle Änderungen an den Materialbedarfslisten üblicherweise anfallen.

Was eignet sich als BIM-Software bei der Digitalisierung im Baugewerbe?

Mittlerweile haben Architekten und Bauunternehmen eine große Auswahl bei der BIM-Software. Einige Anbieter klassischer CAD-Programme haben sich dazu entschlossen, BIM-Funktionen in ihre Pakete zu integrieren. Dazu gehören beispielsweise Allplan, Graphisoft, Autodesk, Trimble und Softtech. Auch die mit der Lizenz LGPLv2+ nutzbare Software FreeCAD ist interessant. Durch den offenen Quellcode bietet sie die Chance einer individuellen Anpassung an vorhandene IT-Systeme. Andere Softwarepakete unterstützen sogar den weiteren Planungsprozess. Beispiele dafür sind Bim4you und Powerproject BIM.

Wieso sind CRM-Programme für die Bauwirtschaft interessant?

Das Kürzel CRM steht für den englischen Begriff „Customer-Relationship-Management“. Dieser Aufgabenbereich umfasst die Verwaltung aller Kundenkontakte. Obwohl es in Europa einen Bauboom gibt, müssen sich Handwerksbetriebe dem Wettbewerb stellen. Das heißt, auch die Kundenakquise darf nicht in den Hintergrund rücken. Dazu reichen Flyer und Websites nicht aus. Kunden wollen eine hochwertige Betreuung und genau diese machen die CRM-Programme einfach. Handwerksbetriebe haben damit beispielsweise die Chance, Kunden frühzeitig auf Wartungstermine für die von ihnen installierte Haustechnik hinzuweisen. Bei der Pflege der Kundenbeziehungen bietet die Digitalisierung im Baugewerbe also ebenfalls einen entscheidenden Vorteil.

Warum führt kein Weg am digitalen Dokumentenmanagement vorbei?

Gerade im Bauwesen fällt eine regelrechte Flut an Dokumenten an. Das beginnt bei den Angeboten und setzt sich über Bauzeichnungen, Bauverträge, Lieferscheine und Abschlagsrechnungen bis hin zur Dokumentation des Baufortschritts und den Abnahmeprotokollen fort. Die Suche nach bestimmten Dokumenten in einem papierenen Archiv erfordert üblicherweise viel Zeit. Ein intelligentes Dokumenten-Management-System (kurz DMS) auf digitaler Basis bietet einen viel schnelleren Zugriff. Dort ist die Suche nach verschiedenen Kriterien möglich. Sie reichen von der Kundennummer bis hin zu Namen und Adressen. Hat das Dokumenten-Management-System noch dazu eine Schnittstelle zum Internet (beispielsweise via VPN) können die Chefs von Bauunternehmen auch von der Baustelle aus auf die gespeicherten Dokumente zugreifen. Dafür stehen DRM-Systeme zur Auswahl, zu denen es sogar Apps fürs Smartphone gibt. Das heißt, die Digitalisierung im Baugewerbe erspart auch viele Fahrten ins Büro, weil für die Klärung offener Fragen die Anzeige der digitalen Dokumente ausreicht.

Welche Vorteile bietet das Clound Computing im Bauwesen?

Dem Cloud Computing kommt bei der Digitalisierung im Baugewerbe eine sehr große Bedeutung zu. Dabei geht es nicht nur um die zentrale Verwaltung von Dokumenten auf Servern, die per Internet erreichbar sind. Auch die Servicemodelle beim Cloud Computing dürfen nicht unbeachtet bleiben. Die Bereitstellung von Programmen, Laufzeitumgebungen und Hardware-Ressourcen als Dienstleistung ist quer durch alle Branchen interessant. Software as a Service (SaaS) macht die mobile Nutzung der Programme möglich. Die Software läuft nicht länger auf dem eigenen Rechner, sondern wird auf einem Server bereitgestellt. Das reduziert den Aufwand, der im Unternehmen selbst für die Wartung und Aktualisierung der Programme anfällt, denn diese Aufgabe übernimmt der Anbieter.

Wie verändert die Digitalisierung am Bau den Arbeitsalltag?

Es gibt eine ganze Reihe weiterer Technologien, mit denen die Digitalisierung am Bau weiter vorangetrieben werden kann. Eine Variante stellen Messinstrumente dar, welche die erfassten Messwerte an eine zentrale Datenbank übertragen können. So bekommt der Architekt beispielsweise Landvermessungsdaten in Echtzeit und kann mit seiner Arbeit bereits beginnen, während die Vermesser noch auf der künftigen Baustelle sind. Auch die Dokumentation des Baufortschritts kann mit Digitalkameras mit eigener Verbindung zum Internet in Echtzeit bereitgestellt werden. Handscanner könnten den Materialverbrauch und die Materialbestände auf der Baustelle erfassen und an Schnittstellen zu den BIM-Programmen übertragen.

Wo kommt das Baugewerbe um die Digitalisierung nicht herum?

Bauprojekte sind mit Transporten in einem erheblichen Umfang verbunden. Dort kommen die Bestimmungen der Fahrpersonalverordnung ins Spiel, mit welcher in Deutschland die Regelungen der EU-Verordnung EG 561/2006 umgesetzt wurden. Sie schreibt eine digitale Erfassung der Lenk- und Ruhezeiten vor. Die Daten aus den Kontrollgeräten müssen alle 90 Tage durch den Unternehmer gesichert werden. Das Gesetz verpflichtet die Unternehmen sogar zur Anfertigung einer zusätzlichen Sicherungskopie. Diese Pflicht zur Digitalisierung hat einen praktischen Nebeneffekt, denn diese Daten kann auch die Lohnbuchhaltung nutzen. Die Lohnbuchhaltung könne auch an anderer Stelle von digitaler Technik profitieren. Ein Beispiel dafür ist die Erfassung der Anwesenheit der Mitarbeiter auf der Baustelle mit mobilen Chipkartenlesegeräten.

Welche Finanzierungen für die Digitalisierung im Baugewerbe gibt es?

Der Bundesregierung ist genau wie der Europäischen Kommission völlig klar, dass kein Weg an der Digitalisierung vorbeiführt. Deshalb können Bauunternehmen für ihre Investitionen gleich von mehreren Stellen Förderungen in Anspruch nehmen. Eine wichtige Rolle spielen dabei Mittel aus dem European Recovery Programm, kurz ERP. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) hat eigens dafür das Förderprogramm „ERP-Digitalisierungs- und Innovationskredit“ aufgelegt. Mit diesen Förderkrediten können Unternehmen Investitionen und Betriebsmittel rund um Digitalisierungsvorhaben bis zu einer Gesamtsumme von 25 Millionen Euro finanzieren. Zielgruppe sind Unternehmen, die seit mindestens zwei Jahren bestehen. Auch freiberufliche Architekten, die schon mehr als zwei Jahre aktiv sind, profitieren von diesem Förderprogramm.

Wie fördern die Bundesländer die Finanzierung von Digitalisierungsvorhaben?

Die Förderprogramme der einzelnen Bundesländer unterscheiden sich etwas voneinander. Die Sächsische Aufbaubank bietet beispielsweise Finanzierungsmöglichkeiten für die Digitalisierung im Baugewerbe schon in der Vorbereitungsphase an. Von der SAB werden die Kosten für die Arbeit von Experten über fünf Tage hinweg übernommen. Die Coaches erfassen den Ist-Zustand und prüfen, in welchen konkreten Bereichen eine Umstellung auf die Nutzung digitaler Technologien möglich ist. Diese Angebote richten sich an Freiberufler sowie kleine und mittelständische Unternehmen. Andere Bundesländer zahlen eine „Digitalisierungsprämie“ als Zuschuss.

Wsa muss die Bundesregierung für die Digitalisierung im Baugewerbe tun?

Die Bundesregierung muss zusammen mit den Netzbetreibern die technischen Voraussetzungen schaffen. Dort gibt es noch erheblichen Nachholbedarf. Der aktuelle BMVI-Breitbandatlas weist noch erhebliche Schwachstellen bei der Versorgung mit schnellen Internetzugängen aus. Vor allem Firmen in kleinstädtischen und ländlichen Regionen müssen oft noch mit einer geringen Übertragungsgeschwindigkeit auskommen. Im ländlichen Raum verfügten Ende 2018 gerade einmal rund die Hälfte aller Gewerbebetriebe über Anschlüsse mit einer Kapazität von mindestens 50 Megabits pro Sekunde. Am schlechtesten ist die Lage in Sachsen-Anhalt, im Saarland sowie in Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern. Die Bundesregierung ist also gefordert, den Ausbau der Breitbandnetze voranzutreiben.

Wo profitieren Bauunternehmer bereits von der Digitalisierung bei Dritten?

Viele Architekten und Bauplaner denken umweltfreundlich und treten Dienstreisen nicht mit dem eigenen Pkw an. Sie bekommen die ersten Folgen des insgesamt hohen Interesses an der Digitalisierung bei Bahnfahrten bereits zu spüren. Wer mit dem Notebook Software as a Service nutzt, kann problemlos auch unterwegs arbeiten. Die Deutsche Bahn hat bereits sämtliche ICE-Züge und viele große Bahnhöfe mit kostenlosen WLAN-Hotspots ausgestattet. Ende März bestätigte die Deutsche Bahn, dass auch in den Intercity-Verbindungen WLAN-Hotspots Einzug halten sollen. Dabei sorgt die Multiprovider-Technik für schnelle Verbindungen. Bauunternehmer, welche die Digitalisierung bereits umgesetzt haben, können Zugfahrten nutzen, um ihre Büroaufgaben zu erledigen oder an der Bauablaufplanung zu arbeiten.

Fazit: Digitalisierung ist im 21. Jahrhundert ein unumgängliches Muss

Unternehmen aus dem Baugewerbe kommen an der Digitalisierung nicht vorbei, wenn sie wettbewerbsfähig bleiben wollen. Die Umstellung auf digitale Technologien erfordert Investitionen, die sich mit günstigen Förderkrediten finanzieren lassen. Diese Investitionen rechnen sich ziemlich schnell, weil sie viel teure Arbeitszeit sparen. An anderen Stellen können Abläufe mit modernen IT-Systemen und Software-Paketen optimiert werden. Bei der Logistik muss sich das Baugewerbe durch gesetzliche Vorschriften einem Zwang zur Einführung von Digitaltechnik stellen. Aber auch aus den Ansprüchen der Kunden an die Ausstattung ihrer Gewerbeobjekte und Wohnimmobilien resultiert ein Muss zur Beschäftigung mit allen Elementen der Digitalisierung.