Derivate – Handelspreise von heute für die Zukunft sichern!

Ratgeber

Derivate zur Absicherung gegen Ölpreisschwankungen

Der Ursprung des Begriffs Derivate findet sich in der lateinischen Vokabel „derivare“, die mit „ableiten“ ins Deutsche übersetzt wird. Dabei bezeichnen Derivate Termingeschäfte, welche einen Basiswert, sog. ‚Underlying‘, als Grundlage haben und ihren Preis von diesem Basiswert ableiten. Derivate als Finanzmarktprodukte erfordern ein hohes Maß an Marktkenntnis. Wer diese Erfahrungen nicht hat, sollte die Finger von diesen an der Börse handelbaren Papieren lassen. Der Grund dafür ist, dass stets die Erreichung, Unterschreitung oder Überschreitung eines bestimmten Zielwerts (daher auch die Ableitung als Bezeichnung) über die möglichen Gewinne oder Verluste entscheidet. Daran wirken wiederum unzählige Einflussfaktoren mit, deren Auswirkungen der Laie nur schlecht oder gar nicht einschätzen kann.

Eigenschaften von Derivaten

Was kennzeichnet Derivate?

Die Bezeichnung Derivate kommt für Verträge zum Einsatz, bei denen eine Verlagerung von Marktrisiken erfolgt. Deshalb gehören diese Verträge zu den an der Börse abschließbaren Sicherungsgeschäften. Fachleute verwenden dafür üblicherweise die Begriffe Hedging oder Hedgegeschäft. Die abzusichernden Marktrisiken entstehen durch die sogenannte Volatilität. Unter diesen Oberbegriff fallen die Schwankungen von Handelspreisen, d.h. auch die Änderungen der Devisenkurse. Deshalb fungieren Derivate als spezielle Kurssicherungsgeschäfte und garantieren den Unternehmen die Arbitrage, während die Käufer der Sicherungspapiere das spekulative Risiko tragen müssen. Arbitrage ist die Fachbezeichnung für Geschäfte, bei denen keine Gefahr von Verlusten durch Preisschwankungen besteht.

Wie funktionieren Derivate genau?

Heutzutage schließen Unternehmen häufig Verträge ab, bei denen die Leistung erst zu einem späteren Zeitpunkt fällig ist. Dabei sind Preisfestlegungen für die Zukunft erforderlich. Ob die kalkulierten Preise am Ende passen, hängt von der Preisentwicklung von beispielsweise Energie oder Rohstoffen ab. Anhand des folgenden Beispiels soll dies klarer verdeutlicht werden.

Beispiel: Firma X hat einen Produktpreis auf Basis eines Erdölpreises von 75 Dollar pro Barrel kalkuliert und mit Firma Y einen Liefervertrag abgeschlossen. Die Produktion der dafür notwendigen Endprodukte soll erst 6 Monate nach Vertragsabschluss starten. Firma X bietet als Absicherung ein Derivat an, bei dem auf einen Ölpreis von höchstens 75 Dollar zum Zeitpunkt des Produktionsstarts spekuliert wird.

Bleibt der Ölpreis unter den 75 Dollar pro Barrel, erhält der Käufer der Sicherungspapiere einen Gewinn. Übersteigt der Erdölpreis zum festgelegten Termin diese Summe, resultiert darauf für den Derivatinhaber ein Verlust. Denn dieser (Firma X) erhält lediglich 75 Dollar pro Barrel und nicht den zum gegenwärtigen Zeitpunkt höheren Marktpreis.

Wie unterscheiden sich Derivate und OTC-Papiere?

Derivate gehören zu den an der Börse gehandelten Finanzmarktprodukten. Die Bezeichnung OTC-Papiere oder OTC-Derivate kommt für ‚Kurswetten‘ zum Einsatz, die außerhalb der Börse gehandelt werden. Das Kürzel OTC leitet sich von der englischen Bezeichnung „Over the Counter“ ab.

OTC-Papiere haben gegenüber den börsengehandelten Derivaten einige Nachteile, denn sie weisen keine umfangreiche Standardisierung auf. Sie stellen einen zwischen zwei Parteien ausgehandelten Individualvertrag dar. Das heißt, hier ist eine deutlich intensivere Prüfung der Vertragskonditionen erforderlich. Die Rechtsgrundlagen der OTC-Derivate in Europa finden sich in der EU-Verordnung 648/2012. Sie trägt den vollständigen Namen „European Market Infrastructure Regulation“, oder kurz EMIR-Verordnung, und trat im August 2012 in Kraft. Diese Verordnung war eine der rechtlichen Konsequenzen der 2008 durch den Crash von Lehman Brothers forcierten Finanzkrise.

Gibt es spezielle Börsen für den Derivatehandel?

Grundsätzlich können Derivate an allen Börsen gehandelt werden. Weltweit haben sich jedoch einige Börsen auf Waren-Termingeschäfte spezialisiert. In Europa spielt vor allem die European Exchange (kurz Eurex genannt) mit Sitz im deutschen Eschborn eine wichtige Rolle. Die Eurex bietet den Handel mit Fondsderivaten, Zinsderivaten sowie mit CO2-Futures und Energiederivaten an. Ein weiterer Handelsplatz für Sicherungspapiere in Europa war die NYSE Liffe mit Sitz in Großbritannien, deren Betrieb im Sommer 2014 endete. Auf dem internationalen Parkett zählen sich die New York Mercantile Exchange, das Chicago Board of Trade sowie die Korea Exchange zu den größten Handelsplätzen für Derivate aller Art.

Welche Bedeutung hat das „Underlying“ bei Derivatgeschäften?

Die Bezeichnung Underlying ist der aus dem Englischen stammende Begriff für den in einem Derivat verwendeten Basiswert. Je nach Inhalt der Kurswette kommen verschiedene Basiswerte infrage. Die Palette beginnt bei den Handelspreisen für Rohstoffe und Waren. Sie setzt sich bis hin zum Kurswert und der Rendite von Aktien oder den Punkteständen der Börsenindizes fort. Gemäß des §2 des Gesetzes über den Wertpapierhandel (kurz WpHG) kommen auch Zinssätze, Frachtsätze sowie die Devisentauschkurse als Basiswerte in Frage.

Welche Arten der Derivate sind auf dem Finanzmarkt üblich?

Zu den Basisvarianten der Derivate zählen die Optionsgeschäfte, Swap-Geschäfte und Festgeschäfte. Optionsgeschäfte verschaffen dem Käufer die Möglichkeit, innerhalb eines festgelegten Zeitraums Produkte zu einem vereinbarten Fixpreis zu kaufen. Dabei kann es sich sowohl um Waren als auch um Wertpapiere oder Devisen handeln. Festgeschäfte funktionieren ähnlich. Allerdings trifft hier den Käufer eine Abnahmepflicht für eine vertraglich vereinbarte Menge zu den ausgehandelten Konditionen. Swap-Geschäfte fixieren die Konditionen für eine Serie von Verkaufsvorgängen, die in der Zukunft liegen.

Wieso gehören Terminkontrakte zu den Derivaten?

An der Börse handelbare Terminkontrakte tragen in der Fachsprache der Börsenhändler die Bezeichnung ‚Futures‘. Ist der Handel außerhalb der Börse möglich, kommt der Begriff ‚Forward‚ zum Einsatz. Bei den Futures und Forwards werden mehrere Parameter fixiert.

Dazu gehört die genaue Bestimmung der Menge und Qualität einer Ware, die zu einem bestimmten Zeitpunkt geliefert werden muss. Außerdem schreiben die Vertragsparteien einen konkreten Preis pro Einheit fest. Eine Besonderheit der Futures und Forwards besteht darin, dass sich hier als Risiken auch die Lagerhaltungskosten, Kreditzinsen sowie Versicherungskosten und Transportkosten auswirken. Mit einem solchen Derivat können Unternehmen die sogenannte Cash-and-Carry-Arbitrage realisieren. Dabei handelt es sich um die Ausschaltung von Verlustrisiken durch unerwartete Preisschwankungen, beispielsweise durch überdurchschnittlich schlechte oder gute Ernten.

Welche Besonderheiten haben Optionen als eine Form der Derivate?

De facto handelt es sich bei den Optionen ebenfalls um Terminkontrakte. Allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied. Im Gegensatz zum Terminkontrakt ist der Halter einer Option nicht zur Abnahme verpflichtet. Er sichert sich lediglich das Recht, eine bestimmte Menge von Produkten zu einem genauen Termin zu einem vereinbarten Preis erwerben zu können. Nach den Ausübungsterminen der Rechte aus einer Option resultiert eine Differenzierung in die europäische und amerikanische Option sowie die Bermuda-Option. Bei der europäischen Option ist die Ausübung des Kaufrechts ausschließlich am Tag der Fälligkeit möglich. Bei der amerikanischen Option kann der Optionsinhaber das Geschäft jederzeit bis zum Tag der Fälligkeit verlangen. Die Bermuda-Option nutzt einen Mittelweg. Hier gibt es mehrere festgelegte Termine, an denen das Recht auf das in der Option vereinbarte Geschäft eingefordert werden kann.

Was ist zu Devisen-Derivaten wissenswert?

Devisen-Derivate sind möglich, wenn Termingeschäfte abgeschlossen werden, bei denen zwischen dem Vertragsabschluss und der Erfüllung der Vertragsinhalte mindestens drei Arbeitstage liegen. Eine Realisierung des vereinbarten Devisentauschs innerhalb von zwei Arbeitstagen fällt unter die Bezeichnung Devisenkassageschäft. Die bei Devisen-Termingeschäften genutzten Futures und Forwards der Kategorie Outright-Geschäft enthalten eine Erfüllungs- und Abnahmepflicht zu einem bestimmten Termin. Devisenoptionen räumen das Recht ein, eine vereinbarte Menge Devisen zu einem festgeschrieben Tauschkurs innerhalb eines bestimmten Zeitraums zu erwerben.

Welche Besonderheiten haben Devisen-Swap-Geschäfte?

Von anderen Swapgeschäften unterscheiden sich Devisen-Swaps durch die Art der festgelegten Aktionen. Swap-Derivate in anderen Bereichen treffen Reglungen für die Wiederholung des gleichen Geschäftsvorgangs zu mehreren Terminen oder innerhalb eines bestimmten Zeitraums. Beim Devisen-Swap-Geschäft betreffen die Vereinbarungen sowohl den Tausch zweier Währungen als auch den späteren Rücktausch der beiden Währungen zu festgelegten Konditionen an einem im Vertrag fixierten Termin. Das heißt, ein Devisen-Swap-Derivat kombiniert ein Kassageschäft mit einem Termingeschäft.

Hebelgeschäfte mit Derivaten

Was sind Hebel bei Derivaten?

Hebel vervielfachen bei Derivaten die Chancen auf Gewinne und zugleich auch auf Verluste. Von einem Hebelprodukt wird dann gesprochen, wenn sich der Kurswert des Derivats deutlich umfangreicher verändert als der Bezugswert, auf dem es basiert. Wie die Hebel bei Derivaten funktionieren lässt sich an einem Beispiel am besten erklären:

Person A sichert sich in einem Termingeschäft mit einer Option im August 2019 den Kauf von Aktien im Juli 2020 zum Preis von 50 Euro pro Stück. Für das Sicherungsgeschäft zahlt er 5 Euro pro Aktie. Die Aktie wird zum Zeitpunkt des Termingeschäfts (August 2019) mit 60 Euro pro Stück gehandelt. Während der Laufzeit der Option steigt der Wert der Aktie auf 90 Euro pro Stück. Zeitgleich erhöht sich dadurch der Handelspreis der Option von 5 Euro auf 40 Euro. Der Wert der Option liegt am Ende der Laufzeit bei 800 % des Ausgangswerts, während der Wert der Aktie lediglich um 50 Prozent zugelegt hat. Die prozentuale Rendite der Option macht also ein Vielfaches der Rendite aus, die über einen Kassakauf der Aktie und einem späteren Verkauf erzielbar gewesen wäre. Das Verhältnis der Veränderungen der Optionsrendite im Vergleich zur Entwicklung der Aktienrendite stellt den sogenannten Hebel dar.

Wann ist das spekulative Risiko bei Hebel-Derivaten besonders hoch?

Bei den Optionen als eine Form der Hebel-Derivate bleibt das spekulative Risiko überschaubar. Der Grund dafür ist, dass der Optionsinhaber das gesicherte Kaufrecht ausüben kann, dies aber nicht tun muss! Im schlimmsten Fall wird die Option durch ungünstige Kursentwicklungen wertlos. Allerdings zieht das den vollständigen Verlust der dafür getätigten Investitionen nach sich. Bei Termingeschäften in Form der Derivate mit Abnahmezwang potenziert sich das Verlustrisiko. Der Ernstfall wäre eine Kombination aus einem Wertverfall des Derivats und dem Zwang beispielsweise Aktien zu einem Preis kaufen zu müssen, der deutlich über dem tatsächlichen Marktwert liegt. Das heißt, der Hebel kann sowohl die erzielbaren Gewinne als auch die möglichen Verluste erhöhen.

Wie lässt sich das spekulative Risiko bei Derivaten senken?

Ein guter Weg ist es die Nutzung von Derivaten mit Abnahmezwang zu vermeiden und stattdessen zu Optionen zu greifen. Außerdem können Anleger das Verlustrisiko reduzieren, indem sie statt auf Einzelkurse auf die Entwicklungen der Kurse von Fondsanteilen spekulieren. Die Preise für Fondsanteile sind üblicherweise nicht so großen Kursschwankungen unterworfen wie vergleichsweise die Aktien einzelner Unternehmen. Eine Ausnahme stellen dabei die sogenannten Hedgefonds dar. Der Grund dafür ist die Tatsache, dass sie nur mit hochspekulativen Finanzmarktprodukten handeln. Hier droht eine noch umfangreichere Potenzierung der möglichen Gewinne und Verluste bei Hebelprodukten. In Deutschland gibt es deshalb Beschränkungen bei der Handelbarkeit der Anteile an reinen Hedgefonds, die nach der globalen Finanzkrise zu Beginn des 21. Jahrhunderts etabliert wurden.

Derivate und ihre steuerliche Behandlung

Wie werden Erträge aus Derivaten steuerlich behandelt?

In den meisten Ländern der Welt muss für Gewinne aus Geschäften mit Finanzmarktprodukten eine Kapitalertragssteuer abgeführt werden. Deutschland realisiert die Versteuerung der Gewinne über die Abgeltungssteuer. Welche Geschäfte genau unter die Steuerpflicht fallen, regelt der §43 des Einkommenssteuergesetzes (EStG). In Deutschland ist die Bank zur Abführung der Abgeltungssteuer verpflichtet, die das Depotkonto für den börslichen und außerbörslichen Handel mit Derivaten und anderen Finanzmarktprodukten führt. Aktuell (Stand April 2019) gilt in Deutschland ein Steuersatz von 25 %. Auf die Steuersumme erhebt der deutsche Fiskus außerdem noch einen Solidaritätszuschlag in Höhe von 5,5 % sowie die Kirchensteuer. Gewinne bis zu einem Gesamtumfang von 801 Euro pro Jahr bei ledigen Personen bleiben steuerfrei.

Welche Änderungen der Besteuerung von Derivat-Gewinnen könnten kommen?

Schon seit einiger Zeit ist die Einführung einer Finanztransaktionssteuer im Gespräch. Sie zielt hauptsächlich auf die Besteuerung von Gewinnen aus spekulativen Geschäften mit Finanzmarktprodukten ab. In der Europäischen Union laufen die Diskussionen um eine EU-Finanztransaktionsteuer nunmehr schon seit fast einem Jahrzehnt, ohne dass sich ein Konsens abzeichnet. In Deutschland wird eine solche Steuer kommen. Dabei ist aktuell (Stand April 2019) lediglich der Zeitpunkt fraglich. In einigen EU-Ländern gibt es eine Steuer auf Gewinne aus Derivaten, Optionen, Futures und andere Börsenprodukte bereits. Frankreich führte sie im Jahr 2012 ein. Italien folgte ein Jahr später.

Fazit: Vorsicht bei Derivaten

Den Handel mit Derivaten sollten Anleger besser erfahrenen Fachleuten überlassen. Sie zählen zu den Finanzmarktprodukten mit einem hohen spekulativen Risiko. Der Grund ist, dass Derivate durch Hebel sowohl hohe Gewinne als auch hohe Verluste ermöglichen. Auch ist der Umfang der zu beachtenden Einflussfaktoren immens. Er reicht von klimatischen Entwicklungen über politische Entscheidungen bis hin zu den Beschlüssen der OPEC, um nur einige Beispiele zu nennen. Zusätzlich gibt es erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Arten der Derivate. Sie betreffen beispielsweise die Frage, ob nur ein Recht auf die Forderung eines Geschäfts oder ein Zwang zur Durchführung des Geschäfts im Vertrag steht. Die größten Risiken bergen OTC-Derivate. Ihnen fehlt das große Maß der Standardisierung, die bei den Derivaten üblich ist, die ausschließlich an der Börse gehandelt werden können.